
Dorin & Servagnin
Rebsorten
Über zwei Drittel der Waadtländer Reben tragen eine einzige, helle Traube. Sie heisst Chasselas, aber im Kanton Waadt nennt sie kaum jemand so. Auf der Flasche steht Dorin, im Wallis heisst dieselbe Traube Fendant und in Genf Perlan, und wer das zum ersten Mal hört, denkt an drei verschiedene Sorten statt an eine einzige. Es ist eine.
Zusammen bedeckt sie rund 2.300 der 3.750 Rebhektaren im Kanton, das sind 68,6 Prozent — mehr als in jeder anderen Schweizer Weinregion. Deshalb ist die Waadt der einzige Kanton der Schweiz, der mehr Weisswein erzeugt als Rotwein. Alle anderen produzieren mehrheitlich rot.
Den Rest teilen sich vor allem zwei rote Sorten, Pinot Noir und Gamay. Gemeinsam ergeben sie den Salvagnin, einen Verschnitt, der als eigene Waadtländer AOC gilt und nach Kirsche und Johannisbeere schmeckt, mit weichem, kaum spürbarem Tannin. Reinsortig geht auch, doch als Paar ergänzen sich beide besser: Pinot Noir bringt Tiefe, Gamay bringt Frucht und Trinkfluss.
Eine ganz eigene Geschichte hat der Servagnin. Der Legende nach brachte Marie von Burgund diesen Pinot-Noir-Klon 1420 mit. Sie kam damit nach Saint-Prex bei Morges. Jahrhundertelang war er hier die wichtigste rote Sorte, bis er im zwanzigsten Jahrhundert fast verschwand — in den Sechzigerjahren standen nur noch zwei Stöcke in Saint-Prex. Winzer aus Morges retteten ihn, Trieb für Trieb, und heute darf nur noch Wein aus dem Gebiet Morges so heissen. Das Gesetz schreibt dafür Fassreifung von mindestens sechzehn Monaten vor.
Noch seltener ist der Plant Robert, eine alte Gamay-Variante, die es nur im Lavaux gibt, hauptsächlich rund um Cully. Sein Name soll vom altfranzösischen Wort für stehlen kommen, weil man die süssen Trauben angeblich schon vor der Lese aus den Reben klaute. In den Sechzigerjahren pfropften zwei Winzer die letzten bekannten Triebe auf neue Stöcke und retteten die Sorte so vor dem Aussterben. Heute wächst sie wieder auf gut sieben Hektaren und ergibt würzige, dunkle Weine mit Cassis und schwarzer Kirsche.