
Buchstaben und Fassjahre
Italien und Spanien: DOCG, DOCa, Reserva
Italien sortiert seine Weine nach Herkunft und Kontrolle, Spanien vor allem nach Zeit im Fass. Zwei Nachbarländer, zwei völlig verschiedene Denkweisen, obwohl beide am Ende dasselbe wollen: dem Käufer ein verlässliches Versprechen geben.
Italiens vier Stufen, von Tafelwein bis DOCG
Ganz unten in Italien steht Vino da Tavola, praktisch ohne Herkunftsvorschrift. Darüber folgt die IGT, die Indicazione Geografica Tipica, für die mindestens 85 Prozent der Trauben aus der genannten Region stammen müssen. Erst darüber beginnt die eigentlich kontrollierte Welt: die DOC, Denominazione di Origine Controllata, mit festen Regeln zu Rebsorten, Erträgen und Anbaugebiet, heute über 300 an der Zahl, von einfachen Alltagsweinen bis zu bekannten Namen.
Ganz oben thront die DOCG, das zusätzliche G steht für „Garantita“, also garantiert, und meint eine amtliche Verkostung vor jeder Freigabe, samt Analyse im Labor und einer nummerierten Banderole über dem Korken. Nur rund 73 Herkunftsbezeichnungen tragen diesen Titel, darunter Barolo, Chianti Classico und Vernaccia di San Gimignano. Ein Gebiet muss dafür meist erst zehn Jahre lang als DOC bestehen. Erst wenn es in dieser Zeit gleichbleibende Qualität beweist, darf der Aufstieg überhaupt beantragt werden. Nur etwa fünf von hundert italienischen Weinen erreichen diesen höchsten Rang am Ende überhaupt.
Spaniens zwei ganz oben: die DOCa
Spanien kennt eine ähnliche Idee, aber deutlich seltener vergeben: die Denominación de Origen Calificada, kurz DOCa, die höchste Stufe über der gewöhnlichen DO. Bis heute tragen nur zwei Regionen diesen Rang: Rioja seit 1991 und Priorat seit den frühen Zweitausenderjahren. Priorat trägt dabei die katalanische Variante DOQ. Beide mussten über Jahrzehnte beweisen, dass ihre Weine verlässlich hohe Preise und hohe Qualität halten. Das musste dauerhaft gelten, weit über einzelne gute Jahrgänge hinaus.
Die DOCa bringt zusätzliche Kontrollen mit sich, etwa eine Herkunftsbanderole auf jeder einzelnen Flasche, die Fälschungen erschweren soll. Für Käufer ist der Unterschied zur normalen DO im Alltag kaum sichtbar, weil beide Ränge seriös arbeiten und ähnlich strengen Kontrollen unterliegen. Der DOCa-Status signalisiert vor allem eines: eine besonders lange, dokumentierte Erfolgsgeschichte der ganzen Region, nicht die Qualität einer einzelnen Flasche.
Crianza, Reserva, Gran Reserva: Zeit statt Ort
Neben der Herkunft kennt Spanien ein zweites, unabhängiges System, das nach Reifezeit sortiert. In Rioja etwa muss ein roter Crianza mindestens 24 Monate reifen, davon wenigstens 12 Monate im Eichenfass, bevor er verkauft werden darf. Ein Reserva braucht schon drei Jahre insgesamt, davon ein Jahr im Fass. Den Rest verbringt er überwiegend in der Flasche, bevor er überhaupt in den Handel darf.
An der Spitze steht der Gran Reserva mit mindestens fünf Jahren Reifezeit. Davon müssen zwei Jahre im Holzfass liegen, der Rest reift in der Flasche nach. Diese Zeitangaben stehen unabhängig neben der geografischen Einstufung: Ein einfacher DO-Wein kann Gran Reserva sein, wenn er lange genug reift, während ein DOCa-Wein ganz ohne Fasslagerung als junger Wein ohne diese Zusätze verkauft wird.
Warum mehr Zeit nicht automatisch besser bedeutet
Lange galt in Spanien: je länger im Fass, desto edler der Wein, und die Kategorien wurden entsprechend als Qualitätsleiter gelesen. Viele jüngere Winzer sehen das inzwischen kritischer, weil sehr lange Fasslagerung Frucht und Frische kosten kann, gerade bei Trauben aus wärmeren Lagen. Ein junger, unklassifizierter Wein von einer einzigen besonderen Parzelle kann geschmacklich anspruchsvoller sein als ein Gran Reserva von durchschnittlichen Flächen. Auf dem Etikett trägt trotzdem Letzterer den höheren Rang.
Rioja reagierte darauf 2017 mit einer zusätzlichen Kategorie namens Viñedo Singular, die einzelne, besonders alte Weinberge auszeichnet, unabhängig von der Fasszeit. Damit rückt auch in Spanien die Herkunft wieder stärker neben die reine Reifedauer. Wer heute ein spanisches Etikett liest, sieht deshalb oft beide Sprachen gleichzeitig. Eine Zeitangabe wie Reserva und, zunehmend, ein Hinweis auf die einzelne Lage dahinter. Beide Angaben zusammen erzählen mehr über eine Flasche als jede für sich allein.