Champagner und Süßweine der Könige

Trinken wie Fürsten

Champagner und Süßweine der Könige

Kaum ein Getränk stand so eng für Macht wie Champagner und die großen Süßweine der Frühen Neuzeit. An europäischen Fürstenhöfen tranken Könige aus Gläsern, die kaum jemand sonst sich leisten konnte. Sie machten aus bestimmten Weinen politische Symbole, weit über den bloßen Geschmack hinaus.

Champagner erobert Versailles

Am französischen Hof unter Ludwig dem Vierzehnten und seinen Nachfolgern galt schäumender Wein aus der Champagne als das Getränk der Wahl bei großen Festen. Anders als der stille Wein aus Burgund, der zuvor am Hof bevorzugt wurde, wirkte der prickelnde Champagner ungewöhnlich und elegant. Nur wenige Kellermeister konnten ihn zuverlässig herstellen.

Adelige und wohlhabende Bürger in ganz Europa kopierten diesen höfischen Geschmack, sobald sie es sich leisten konnten. Champagner wurde zum Statussymbol bei Krönungen, Hochzeiten und diplomatischen Empfängen. Häuser wie Ruinart oder Moët, beide im achtzehnten Jahrhundert gegründet, belieferten von Anfang an gezielt Adel und Königshäuser, weil dort das nötige Geld für ein derart aufwendig hergestelltes Produkt vorhanden war. Die Herstellung selbst blieb lange riskant. Ein erheblicher Teil der Flaschen zerplatzte im Keller einfach, sobald der Innendruck zu stark wurde, weshalb Kellermeister mit dicken Masken und schweren Schürzen arbeiteten. Erst im Lauf des neunzehnten Jahrhunderts sank diese Bruchrate deutlich. Glas, Korken und das Wissen um die richtige Zuckermenge wurden zusammen besser aufeinander abgestimmt.

Tokaji: der Wein, den ein König taufte

In Ungarn entstand mit Tokaji Aszú ein süßer Weißwein. Er wird aus Trauben gemacht, die von Edelfäule befallen wurden, einem Schimmelpilz, der ihnen Wasser entzieht und den Zucker konzentriert. Bereits im späten siebzehnten Jahrhundert galt dieser goldene, dickflüssige Wein als eine der begehrtesten Kostbarkeiten an europäischen Höfen, weit über Ungarn hinaus bekannt.

Im Jahr 1703 schickte der Fürst Franz der Zweite Rákóczi eine Lieferung Tokaji an Ludwig den Vierzehnten nach Versailles. Der Sonnenkönig soll darauf mit den lateinischen Worten „Vinum Regum, Rex Vinorum“ geantwortet haben. Zu Deutsch heißt das: der Wein der Könige, der König der Weine. Dieser Satz begleitet Tokaji bis heute als eine Art inoffizielles Motto. Er erklärt auch, warum Zaren, Päpste und preußische Könige den Wein über Jahrhunderte hinweg schätzten.

Sauternes und andere süße Rivalen

Neben Tokaji entwickelte sich in Frankreich mit Sauternes ein eigener Süßwein, ebenfalls von Edelfäule geprägt. Er gewann besonders im neunzehnten Jahrhundert international an Ansehen. Die Handlese war aufwendig, denn Pflücker mussten mehrfach durch dieselben Reihen gehen, um nur die passend befallenen Beeren zu ernten. Das machte solche Weine von Beginn an teuer und selten.

Diese hohen Kosten waren Teil des Reizes: Wer sich einen solchen Wein leisten konnte, zeigte damit ganz offen seinen Wohlstand. Süßweine dieser Art wurden deshalb gezielt bei diplomatischen Anlässen eingeschenkt, um Gastgeber und Gäste gleichermaßen zu beeindrucken. Oft kamen sie in kleinen, teuren Gläsern, die den Wert des Inhalts zusätzlich unterstrichen. Ein einzelnes kleines Glas Sauternes oder Tokaji konnte damals so viel kosten wie eine ganze Flasche gewöhnlichen Tafelweins, und genau dieser Preisunterschied machte den Reiz für Gastgeber aus, die ihren Gästen etwas erkennbar Besonderes bieten wollten. Portwein aus Portugal, mit Branntwein verstärkt und länger haltbar gemacht, trat im achtzehnten Jahrhundert als weitere süße Spezialität hinzu. Vor allem in England wurde er zum festen Bestandteil vornehmer Abendgesellschaften.

Warum Süße damals als Luxus galt

Vor der breiten Verfügbarkeit von Rohrzucker aus Übersee war konzentrierte natürliche Süße selten und aufwendig zu erzeugen. Ein Wein, der von Natur aus intensiv süß schmeckte, ohne nachträglich gesüßt zu werden, demonstrierte technisches Können. Dahinter steckte eine Ernte, die viel Risiko und Handarbeit gekostet hatte.

Erst mit veränderten Ernährungsgewohnheiten und günstigerem Zucker im späteren neunzehnten Jahrhundert verschob sich der Geschmack vieler Trinker hin zu trockeneren Weinen. Champagner selbst wurde in dieser Zeit spürbar trockener. Tokaji und Sauternes dagegen behielten ihren Ruf als Spezialitäten für besondere Anlässe, den sie im Grundsatz bis heute haben. Bis heute tragen Etiketten dieser Weine oft historische Wappen oder Verweise auf königliche Kundschaft. Es ist ein Echo jener Zeit, in der ein Glas voller Süße eine politische Botschaft sein konnte.

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