Die Reblaus-Katastrophe

Europas Reben sterben

Die Reblaus-Katastrophe

Kein Ereignis traf den europäischen Weinbau härter als die Reblaus. Eine winzige, kaum sichtbare Laus aus Nordamerika zerstörte innerhalb weniger Jahrzehnte einen Großteil der Weinberge Europas. Sie zwang die gesamte Branche, fast bei null neu anzufangen.

Ein unsichtbarer Einwanderer

In den 1850er-Jahren brachten britische Botaniker aus reiner Sammelleidenschaft amerikanische Rebstöcke nach Europa, ohne zu ahnen, welche Folgen das haben würde. An deren Wurzeln reiste unbemerkt die Reblaus mit, ein winziges Insekt. Amerikanische Reben hatten sich über lange Zeit gemeinsam mit ihm entwickelt und waren deshalb weitgehend resistent.

Europäische Reben der Art Vitis vinifera hatten mit diesem Schädling nie zuvor Kontakt gehabt und besaßen keinerlei natürliche Abwehr dagegen. Die Laus setzte sich an den Wurzeln fest, saugte dort und öffnete Wunden, durch die zusätzlich Pilze eindrangen. Innerhalb weniger Jahre verkümmerte und starb ein befallener Rebstock, ohne dass Winzer zunächst verstanden, woher das plötzliche Sterben überhaupt kam. Von außen sah eine befallene Rebe oft noch gesund aus, während sich das eigentliche Unheil bereits unsichtbar unter der Erde abspielte. Deshalb galt die Krankheit lange als rätselhaft und fast unheimlich. Erst mikroskopische Untersuchungen der Wurzeln brachten schließlich die winzige Laus selbst ans Licht, benannt von Wissenschaftlern als Phylloxera vastatrix, die Verwüsterin der Blätter und Wurzeln.

1863: Die ersten Reben sterben

Im Jahr 1863 bemerkten Winzer in der südfranzösischen Rhône-Region und im Languedoc erstmals Reben, die aus unerklärlichen Gründen schwächelten und abstarben. Von dort breitete sich das Problem in den folgenden Jahren rasant über weite Teile Frankreichs aus. Bald erreichte es auch andere Länder Europas, von Deutschland über Italien bis nach Spanien und Portugal.

Winzer und Wissenschaftler standen dem Phänomen zunächst ratlos gegenüber. Sie probierten die unterschiedlichsten Gegenmittel aus, von Überflutung der Weinberge bis zu Chemikalien, die kaum Wirkung zeigten. Schätzungen zufolge fiel bis in die 1880er-Jahre ein erheblicher Teil der französischen Rebfläche der Reblaus zum Opfer. Manche Regionen verloren fast ihren gesamten historischen Rebbestand innerhalb weniger Jahrzehnte. Ganze Dörfer, die jahrhundertelang vom Weinverkauf gelebt hatten, gerieten in wirtschaftliche Not. Viele Winzerfamilien wanderten in dieser Zeit in Städte ab, weil ihre Existenzgrundlage buchstäblich unter der Erde verrottete.

Die Rettung kommt aus Amerika

Die Lösung des Problems lag ausgerechnet dort, wo es entstanden war. Ab etwa 1870 schlugen amerikanische Wissenschaftler vor, europäische Edelreiser auf die Wurzeln resistenter amerikanischer Unterlagsreben zu pfropfen, statt weiter nach einem Gift gegen die Laus zu suchen. Die amerikanische Wurzel blieb resistent, während oben weiterhin die vertraute europäische Traube wuchs und reifte.

Diese Methode verbreitete sich in den 1880er- und 1890er-Jahren über ganz Europa. Viele traditionsbewusste Winzer sträubten sich zunächst dagegen, weil sie eine Veränderung des Geschmacks befürchteten. Am Ende blieb jedoch kaum eine Alternative: Wer seinen Weinberg retten wollte, musste ihn roden und mit gepfropften Reben neu bepflanzen, ein Prozess, der ganze Regionen über Jahre in wirtschaftliche Not stürzte.

Was die Katastrophe hinterließ

Bis heute stehen fast alle Weinberge Europas auf amerikanischen Wurzeln, unsichtbar unter der Erde, während oben klassische Sorten wie Riesling oder Cabernet Sauvignon weiterwachsen. Nur ganz wenige, meist sandige oder isolierte Lagen blieben von der Reblaus verschont, weil sich das Insekt in reinem Sand kaum fortbewegen kann. Sie tragen deshalb bis heute wurzelechte, ungepfropfte Reben.

Die Krise veränderte auch die Zusammensetzung mancher Weinregionen dauerhaft. Nach der Rodung stiegen manche Winzer auf ertragreichere oder pflegeleichtere Sorten um, statt die vorherigen neu zu pflanzen. Aus dieser Not heraus entstanden später sogar neue, gegen Pilze widerstandsfähigere Kreuzungen wie die Rebsorte Regent. Sie sind ein später, indirekter Nachklang jener Krise, die den europäischen Weinbau einst an den Rand des Ruins brachte. Wein aus wurzelechten, nie gepfropften Reben gilt unter Kennern heute als Rarität und wird eigens vermarktet, weil er als letzter direkter Kontakt zu den Rebstöcken vor der Katastrophe gilt.

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