
Handel treibt Wein
Hanse, Bordeaux und England
Im Mittelalter wurde Wein zu einer der wichtigsten Handelswaren Europas. Zwei Beispiele zeigen, wie eng Politik und Weinhandel damals verwoben waren.
Eine Hochzeit macht Bordeaux englisch
Das eine ist die Hanse im Norden, ein Bund von Handelsstädten. Das andere ist die jahrhundertelange Bindung zwischen Bordeaux und England, die aus einer einzigen Hochzeit entstand. Am 18. Mai 1152 heiratete Eleonore von Aquitanien den jungen Henry Plantagenet, der zwei Jahre später als Heinrich der Zweite englischer König wurde. Über diese Ehe fiel ganz Aquitanien, und mit ihm Bordeaux, für fast dreihundert Jahre unter englische Herrschaft. Für die Weinwirtschaft der Region hatte das enorme Folgen. Der englische Markt öffnete sich schlagartig für Wein aus dem Umland von Bordeaux.
Engländer nannten diesen hellen, leichten Rotwein Claret, und er wurde am englischen Hof und in Handelsstädten wie London zu einem alltäglichen Getränk. Sogar Richard Löwenherz, Sohn von Eleonore und Heinrich, soll Bordeaux-Wein regelmäßig getrunken haben. Bordeaux blieb wirtschaftlich stabil und wuchs, solange die englische Krone als verlässlicher Abnehmer feststand. Damit legte die Stadt den Grundstein für ihren Ruf als eine der bedeutendsten Weinregionen der Welt. Selbst als Frankreich die Region im fünfzehnten Jahrhundert nach dem Hundertjährigen Krieg zurückgewann, blieb der englische Geschmack für Bordeaux-Wein bestehen und trug den Handel über Jahrhunderte weiter.
Die Hanse verschifft Wein durch den Norden
Weiter nördlich organisierte die Hanse den Handel zwischen Nord- und Ostsee. Sie war ein loser Bund von Kaufleuten und Städten wie Lübeck, Hamburg, Köln oder Danzig. Wein aus dem Rheinland, aus dem Elsass oder aus Franken gehörte zu den Waren, die über hanseatische Routen bis nach Skandinavien, ins Baltikum und nach England verschifft wurden.
Damit Wein solche langen Strecken auf offener See übersteht, brauchte er stabile Fässer und feste Standardmaße. Nur so wussten Käufer, wie viel sie tatsächlich erhielten. Städte legten deshalb genaue Fassgrößen und Zollregeln fest, mit eigenen Kontrolleuren, die Qualität und Menge prüften, bevor eine Ladung überhaupt verschifft werden durfte. Wer betrog, riskierte seinen Ruf in einem Netzwerk, das auf gegenseitigem Vertrauen zwischen Handelspartnern beruhte. Ein einmal verlorener Ruf war in diesem engen Geflecht aus Städten kaum wiederherzustellen. Kaufleute reisten oft nicht selbst mit, sondern verließen sich auf schriftliche Verträge und feste Partner in jeder Hafenstadt entlang der Route.
Zoll, Maße und die Macht des Handels
Wein wurde im Mittelalter so wichtig, dass Städte und Herrscher ganze Einnahmequellen daraus machten. Wegezoll, Stapelrecht und Marktabgaben auf Weinfässer füllten die Kassen von Bordeaux bis Köln und finanzierten Stadtmauern, Kirchen und Rathäuser. Wer den Weinhandel kontrollierte, kontrollierte damit ein Stück wirtschaftlicher Macht, die weit über den eigentlichen Trunk hinausreichte.
Gleichzeitig entstanden erste Regeln, die man als Vorläufer heutiger Herkunftsbezeichnungen lesen kann. Käufer wollten wissen, ob ein Fass wirklich aus Bordeaux oder vom Rhein stammte, und nicht aus einer schlechteren Region, die sich nur als solche ausgab. Städte begannen, Herkunft und Qualität amtlich zu bestätigen, lange bevor es ein geschriebenes Weinrecht im heutigen Sinn gab. In Bordeaux etwa durften bestimmte Weine erst nach der Ernte aus den eigenen Gebieten der Stadt in den Handel, ein frühes Privileg, das auswärtige Konkurrenz künstlich verzögerte und den heimischen Handel schützte.
Ein Handelsnetz, das den Geschmack Europas prägte
Durch Hanse und englisch-französischen Handel entstand ein Netz aus Vorlieben, das bis heute nachwirkt. England blieb Jahrhunderte lang einer der wichtigsten Absatzmärkte für Bordeaux, während der Rhein Nord- und Osteuropa mit Weißwein versorgte. Diese frühen Handelsströme erklären teilweise, warum bestimmte Regionen bis heute für bestimmte Märkte besonders bekannt sind.
Am Ende des Mittelalters stand Wein damit als etabliertes, weit gereistes Handelsgut da, verpackt in stabilen Fässern und geschützt durch städtische Kontrollen. Fehlte noch ein Gefäß, das ihn auch über Jahre hinweg im eigenen Keller reifen ließ, statt ihn nur zu transportieren. Genau dieses Gefäß entstand in der folgenden Station dieser Reise.