
Verbot und Zerstörung
Prohibition und Weltkriege
Im zwanzigsten Jahrhundert traf der Weinbau gleich zweifach auf staatliche und militärische Gewalt. Beide Ereignisse zwangen die Branche, sich von Grund auf neu zu erfinden.
Amerika trocknet aus
Das eine war ein gesetzliches Alkoholverbot in den Vereinigten Staaten, das andere waren zwei Weltkriege, die europäische Weinberge direkt zum Schlachtfeld machten. Am 17. Januar 1920 trat in den Vereinigten Staaten die Prohibition in Kraft, gestützt auf den achtzehnten Verfassungszusatz und durchgesetzt über den sogenannten Volstead Act. Herstellung, Verkauf und Transport von Alkohol wurden landesweit verboten. Ausnahmen gab es nur für medizinischen oder religiösen Gebrauch, darunter auch Messwein für den katholischen Gottesdienst.
Für kalifornische Weingüter bedeutete das Verbot eine existenzielle Bedrohung: Viele rodeten ihre Rebflächen komplett oder pflanzten stattdessen Tafeltrauben an, die man legal als frisches Obst verkaufen durfte. Manche Winzer verkauften konzentrierten Traubensaft mit einem gedruckten Warnhinweis: Man solle die Mischung keinesfalls länger als eine bestimmte Zeit stehen lassen, weil sie sonst von selbst zu gären beginne. Das war ein kaum verhüllter Trick, um weiterhin Wein herzustellen. Interessanterweise stieg der private Weinkonsum in manchen Haushalten während des Verbots sogar an. Das Gesetz erlaubte die private Herstellung einer kleinen Menge für den Eigenbedarf ausdrücklich, solange niemand damit handelte. Erst am fünften Dezember 1933 hob der einundzwanzigste Verfassungszusatz das Verbot wieder auf, nach knapp vierzehn Jahren. Viele Weinberge und ihr Fachwissen waren bis dahin bereits unwiederbringlich verloren.
Zwei Kriege, verwüstete Weinberge
Der Erste Weltkrieg verwandelte Teile der Champagne buchstäblich in Schlachtfelder. Schützengräben zerschnitten historische Weinberge, und manche Kellereien lagen so nah an der Front, dass Arbeiter zwischen Beschuss weiterarbeiteten. Manche versteckten ihre Fässer in unterirdischen Kreidekellern, die zugleich als Schutzräume dienten. Ganze Jahrgänge fielen komplett aus, weil niemand die Reben pflegen oder die Trauben rechtzeitig ernten konnte.
Im Zweiten Weltkrieg wiederholte sich ein ähnliches Muster in weiten Teilen Europas. Besatzungstruppen requirierten Wein in großen Mengen für die eigene Versorgung, während viele erfahrene Winzer als Soldaten eingezogen wurden und ihre Weinberge sich selbst überlassen mussten. In Frankreich versteckten manche Weingüter ihre besten Flaschen hinter zugemauerten Kellerwänden, um sie vor Beschlagnahmung zu retten. Diese Praxis führte nach dem Krieg zu regelrechten Legenden über wiederentdeckte Schätze. Andere Betriebe füllten ihre wertvollsten Jahrgänge bewusst in schlecht beschriftete oder verstaubt wirkende Flaschen um, damit fremde Soldaten sie für minderwertigen Alltagswein hielten und links liegen ließen.
Wiederaufbau unter neuen Bedingungen
Nach 1945 mussten viele europäische Weinregionen ihre Weinberge buchstäblich neu aufbauen, oft mit wenig Kapital und knappem Personal. Gleichzeitig konkurrierte der Wiederaufbau ganzer Städte um dieselben knappen Ressourcen. Diese schwierige Lage beschleunigte in manchen Ländern die Einführung strengerer Herkunfts- und Qualitätsregeln, weil man verhindern wollte, dass minderwertiger Wein den ohnehin angeschlagenen Ruf ganzer Regionen weiter beschädigte.
In den Vereinigten Staaten dagegen musste die gesamte Weinkultur nach dem Ende der Prohibition praktisch neu entstehen. Ein Großteil des Fachwissens, der Rebsorten und der etablierten Kundschaft war in den vierzehn trockenen Jahren schlicht verschwunden. Kalifornische Winzer begannen in den folgenden Jahrzehnten fast bei null. Viele mussten sogar grundlegende Fragen zu Boden und Klima neu beantworten, weil das gewachsene Erfahrungswissen einer ganzen Generation von Winzern schlicht fehlte.
Aus der Not kommt der Neustart
Gerade weil beide Krisen, Verbot und Krieg, so viel zerstörten, boten sie zugleich Raum für Neuanfänge. Kalifornische Winzer experimentierten in den folgenden Jahrzehnten freier mit Sorten und Techniken als traditionsgebundene Regionen Europas. Es gab dort schlicht kaum etablierte Regeln, an die sie sich hätten halten müssen. Dieser Freiraum wurde später zur Grundlage eines Aufstiegs, den kaum jemand erwartet hätte.
Genau von diesem Aufstieg der sogenannten Neuen Welt und einem einzigen Nachmittag in Paris, der die gesamte Weinwelt überraschte, handelt die nächste Station dieser Reise. Was in den Trümmern zweier Krisen begann, endete Jahrzehnte später mit einem Ergebnis, das in Frankreich selbst kaum jemand für möglich gehalten hätte.