
Legionen pflanzen Reben
Rom bringt den Wein nach Norden
Die Römer übernahmen den Weinbau von Griechen und Etruskern und machten daraus ein Werkzeug der Herrschaft. Wohin ihre Legionen zogen, folgten bald Rebstöcke, Kelter und Weinberge. So kam die Reben-Kultur an Rhein und Mosel, in Gegenden, die vorher nie Wein gekannt hatten.
Wein als Teil der Versorgung
Ein römischer Soldat bekam Wein als festen Teil seines Solds und seiner täglichen Ration, meist stark verdünnt mit Wasser. Auf Feldzügen weit im Norden wurde dieser Nachschub jedoch zum Problem: Fässer und Amphoren aus Italien, Spanien oder Gallien über die Alpen oder den Rhein zu transportieren, war langwierig und teuer. Jede zusätzliche Meile Transportweg trieb den Preis eines an sich einfachen Getränks unnötig in die Höhe.
Aus diesem praktischen Problem entstand eine folgenreiche Idee. Warum nicht Reben direkt an den Grenzflüssen anbauen, dort, wo die Truppen ohnehin stationiert waren? Erste Belege für Rebbau nahe römischen Garnisonen sind gebogene Rebmesser aus dem ersten Jahrhundert nach Christus, gefunden in der Nähe militärischer Lager. Die Versorgungslogistik einer Armee legte damit unbeabsichtigt den Grundstein für zwei der bekanntesten deutschen Weinregionen.
Römische Agrarschriftsteller wie Columella verfassten im ersten Jahrhundert regelrechte Handbücher zum Weinbau, mit Anweisungen zu Rebschnitt, Pfahlung und Erntezeitpunkt. Solches Wissen reiste mit den Legionen mit. Es wurde vor Ort an einheimische Siedler weitergegeben, die zuvor oft nur Getreide oder Vieh kannten. Aus Sicht Roms war das kein Kulturgeschenk, sondern schlichte Notwendigkeit, denn eine Provinz, die sich selbst versorgte, kostete das Reich weniger.
Trier, die Mosel und die ersten Terrassen
Die Stadt Trier, von den Römern im Jahr 16 vor Christus gegründet, entwickelte sich zu einem wichtigen Stützpunkt an der Mosel. In ihrem Umland entstanden vermutlich schon im zweiten Jahrhundert erste Weinberge. Bis ins vierte Jahrhundert blühte der Weinbau in der Region sichtbar auf. Die Hänge der Mosel sind steil, doch genau das machte sie interessant. Wer die Reben terrassierte, fing zusätzliche Wärme von der reflektierenden Wasserfläche und dem Schieferboden ein.
Diese Technik, Reben in Terrassen an steilen Flussufern zu pflanzen, um Wärme und Licht optimal zu nutzen, stammt im Kern noch aus dieser römischen Zeit. Winzer an der Mosel bauen bis heute auf denselben Prinzipien auf, nur mit moderneren Werkzeugen als ihre Vorgänger vor rund achtzehnhundert Jahren.
Vom Frontgebiet zur Weinregion
Was als militärische Notlösung begann, wurde mit der Zeit zu einer eigenständigen Wirtschaft. Zivile Siedler übernahmen die Weinberge von den Soldaten, verbesserten die Anbaumethoden und passten italienische Rebsorten an das deutlich kühlere Klima am Rhein an. Über Generationen entstanden aus diesen angepassten Reben Vorläufer der Sorten, die heute an Rhein und Mosel wachsen. Darunter waren frühe Formen dessen, was später zum Riesling wurde.
Eine weitere Neuerung übernahmen die Römer dabei sogar von den Kelten selbst: das hölzerne Fass. Vorher hatten sie Wein fast ausschließlich in tönernen Amphoren transportiert, schwer und zerbrechlich. Das Fass aus Eichenholz, robuster und leichter zu rollen, setzte sich in den Provinzen nördlich der Alpen rasch durch und prägt die Weinlagerung bis heute. Neben Wasserleitungen, Straßen und römischem Recht hinterließ das Reich in seinen nördlichen Provinzen also auch eine Pflanze und ein Gefäß. Beide blieben, lange nachdem Rom selbst zerfallen war.
Was übrig blieb, als Rom fiel
Im fünften Jahrhundert brach die römische Verwaltung im Westen zusammen, und mit ihr viele Strukturen, die den Weinbau organisiert hatten. Straßen verfielen, Märkte schrumpften, ganze Regionen verarmten. Die Rebstöcke selbst verschwanden jedoch nicht einfach über Nacht. Sie wuchsen an Hängen weiter, die sich für kaum etwas anderes eigneten, gepflegt von örtlichen Bauern in kleinerem Rahmen als zuvor.
Wer den Weinbau in dieser unruhigen Zeit am Leben hielt und ihn sogar ausbaute, waren vor allem kirchliche Institutionen. Sie hatten über den Zusammenbruch weltlicher Macht hinweg Bestand. Genau bei dieser Gruppe setzt die nächste Station dieser Reise an.