
Wein und Wasser
Griechen und ihr Symposion
Die Griechen tranken Wein fast nie pur. Sie mischten ihn in großen Gefäßen mit Wasser. Dabei feierten sie das Symposion, ein durchdachtes Trinkgelage mit Gesprächen, Musik und festen Regeln. Über ihre Handelsschiffe und Kolonien trugen sie den Weinbau quer durchs Mittelmeer, von Sizilien bis nach Südfrankreich.
Der Krater in der Mitte des Raums
Im Zentrum eines griechischen Trinkgelages stand ein großer Mischkrug, der Krater. Darin verdünnte ein Gastgeber Wein mit Wasser, oft im Verhältnis von einem Teil Wein auf zwei oder drei Teile Wasser. Wer den Wein unvermischt trank, galt als unzivilisiert oder sogar als Barbar. Diesen Vorwurf machte man vor allem den Nachbarn im Norden. Die Mischung war mehr als reine Etikette, sie hielt die Gäste auch länger nüchtern genug für ernsthafte Gespräche.
Ein Symposiarch legte für den Abend das Mischverhältnis und die Zahl der Runden fest. Das war meist der Gastgeber oder ein per Los bestimmter Teilnehmer. So ließ sich ein Fest steuern, das sonst schnell außer Kontrolle geraten wäre. Aus feinen Schalen, den Kylikes, trank man in geselliger Runde, während Dichter ihre Verse vortrugen und Philosophen wie später Platon das Gespräch am Symposion sogar zum literarischen Vorbild machten. Bevor die erste Runde begann, goss man meist etwas Wein für die Götter auf den Boden. Diese kleine Opfergabe durfte bei keinem Fest fehlen.
Dionysos und der religiöse Rahmen
Hinter dem geselligen Trinken stand mit Dionysos ein eigener Gott. Ihm zu Ehren fanden mehrtägige Feste statt, aus denen sich später sogar das griechische Theater entwickelte. Wein war damit weit mehr als ein Genussmittel, er verband die Trinkenden mit einer religiösen Erfahrung, die Kontrolle zeitweise losließ. In Prozessionen zogen Anhänger mit Weinkrügen, Masken und Musik durch die Straßen. Für einen Moment im Jahr durfte die sonst so strenge Ordnung der Stadt kippen.
Diese doppelte Rolle, einerseits streng geregeltes Gesellschaftsritual, andererseits religiöser Rausch, prägte den griechischen Umgang mit Wein über Jahrhunderte. Man fürchtete den Kontrollverlust, feierte ihn aber zugleich in bestimmten, klar abgegrenzten Momenten des Jahres.
Kolonien tragen die Rebe übers Meer
Griechische Siedler gründeten vom achten Jahrhundert vor Christus an Kolonien rund ums Mittelmeer. Sie reichten von Süditalien über Sizilien bis nach Marseille im heutigen Frankreich. Wo immer sich Griechen niederließen, brachten sie Rebstöcke mit und legten neue Weinberge an. Süditalien nannten die Römer später sogar Oenotria, das Land des angebundenen Rebstocks, weil dort so viel Wein wuchs.
Über diese Kolonien lernten auch Etrusker und schließlich Römer den systematischen Weinbau kennen. Sie entwickelten ihn eigenständig weiter und trugen ihn schließlich noch viel weiter nach Norden. Amphoren aus dieser Zeit stammen oft aus gesunkenen Handelsschiffen im Mittelmeer. Sie zeigen, wie weit Wein damals schon gehandelt wurde, oft über hunderte Kilometer Seeweg.
Damit der Wein die lange Reise über See unbeschadet übersteht, mischten viele Händler Harz von Pinien oder Kräuter unter den Wein, was ihn haltbarer machte und zugleich seinen Geschmack veränderte. Aus dieser alten Not entstand indirekt eine griechische Spezialität, die es bis heute gibt: geharzter Wein, in Griechenland als Retsina bekannt und selbst im modernen Supermarktregal noch ein Nachhall dieser antiken Schifffahrt.
Was von diesem Erbe bleibt
Viele Grundideen der griechischen Trinkkultur wirken bis heute nach, auch wenn kaum noch jemand Wein mit Wasser mischt. Die Vorstellung, dass Trinken zu einem Gespräch und einer festen Runde gehört, prägt Weinproben und gesellige Abende noch immer. Auch das Wort Symposion lebt fort, heute meist für Fachtagungen, weit entfernt von seinem ursprünglichen, weinseligen Sinn.
Vor allem aber verbreiteten die Griechen als Erste ein Bild von Wein als Kulturgut, das mit Geschmack, Regeln und Genuss zu tun hat und Rausch bewusst in Grenzen hält. Dieses Bild übernahmen die Römer. Sie bauten es zu einem noch größeren System aus, das schließlich einen ganzen Kontinent mit Reben überzog. Ohne griechische Kolonisten wären Weinberge in Süditalien, Sizilien und Südfrankreich vermutlich erst Jahrhunderte später entstanden, wenn überhaupt.