Wein heute

Klima trifft Tradition

Wein heute

Zehntausend Jahre nach den ersten Tongefäßen im Kaukasus steht der Weinbau erneut vor einem Umbruch. Diesmal treibt ihn kein Krieg und keine Laus. Es sind ein wärmeres Klima und eine wachsende Zahl von Winzern, die bewusst zu einfacheren, älteren Methoden zurückkehren.

Ernten, die immer früher beginnen

Winzer weltweit lesen ihre Trauben heute im Schnitt deutlich früher als noch vor wenigen Jahrzehnten. In der burgundischen Stadt Beaune begann die Ernte im Zeitraum von 1988 bis 2018 im Durchschnitt rund dreizehn Tage früher als in den Jahrzehnten davor. Ähnliche Verschiebungen zeigen sich in Weinregionen rund um den Globus, von Deutschland bis nach Australien.

Wärmere Sommer lassen Trauben schneller reifen. Das klingt zunächst nach einem Vorteil, schafft in der Praxis aber neue Probleme: Höherer Zuckergehalt bedeutet mehr Alkohol im fertigen Wein. Die Säure, die einen Wein frisch und lebendig hält, baut bei schnellerer Reife schneller ab. Winzer reagieren darauf. Sie suchen höher gelegene oder kühlere Lagen, probieren spätreifende Sorten aus oder richten die Laubwände ihrer Reben anders aus, um die Trauben stärker zu beschatten. Manche experimentieren zusätzlich mit Rebsorten aus wärmeren Herkunftsländern, die ihrem eigenen Klima in zwanzig oder dreißig Jahren voraussichtlich ähneln werden. Das ist eine Art vorausschauende Wette auf die eigene Zukunft. Andere setzen auf traditionelle, fast vergessene Lokalsorten, die mit Hitze und Trockenheit von jeher besser zurechtkommen als die heute verbreiteten internationalen Standardsorten.

Neue Regionen, alte Regionen unter Druck

Gebiete, die früher als zu kühl für ernsthaften Weinbau galten, gewinnen heute an Bedeutung. Dazu zählen Südengland, wo mittlerweile beachtlicher Schaumwein entsteht, und Teile Skandinaviens, wo Winzer erst seit kurzem überhaupt Reben pflanzen. Gleichzeitig geraten traditionelle, warme Anbaugebiete im Süden Europas unter Druck, weil ihnen zunehmend schlicht die nötige Kühle für frische, ausgewogene Weine fehlt.

Diese Verschiebung verändert langfristig auch wirtschaftliche Landkarten. Manche jahrhundertealten Weinbauregionen müssen sich neu erfinden, während andere, bisher unbedeutende Landstriche zum ersten Mal überhaupt in den Blick von Winzern und Investoren geraten. Landwirtschaftliche Flächen, die vor zwanzig Jahren für Weinbau als völlig ungeeignet galten, werden heute testweise mit ersten Rebzeilen bepflanzt. Oft finanzieren das Investoren aus etablierten, aber zunehmend unter Druck stehenden Regionen.

Die Rückkehr zum Naturwein

Parallel zum Klimawandel wächst seit einigen Jahren eine Bewegung, die genau in die andere Richtung blickt: Naturwein. Er entsteht mit möglichst wenig technischem Eingriff, ohne Zusatz von Reinzuchthefen und mit wenig bis keinem Schwefel als Konservierungsmittel. Trauben werden dabei oft biologisch oder biodynamisch angebaut, von Hand gelesen und mit den hofeigenen, wilden Hefen vergoren, statt gekaufte Kulturen zu verwenden.

Manche dieser Winzer greifen dabei, bewusst oder unbewusst, exakt auf jene Methode zurück, mit der diese Reise begann. Traubensaft vergärt zusammen mit den Schalen in großen, offenen Gefäßen, heute oft in Beton, Ton oder alten Holzfässern statt im vergrabenen Qvevri. Der so entstehende, oft bernsteinfarbene Orange Wine verbindet damit eine sehr alte georgische Idee mit einem sehr aktuellen Marketingbegriff.

Recht, Herkunft und die Zukunft eines alten Getränks

Auch das Recht rund um Wein entwickelt sich weiter. Seit dem dreiundzwanzigsten April 2024 gilt in der Europäischen Union die Verordnung (EU) 2024/1143. Sie ordnet den Schutz geografischer Angaben für Wein, Spirituosen und weitere Agrarerzeugnisse neu und ersetzt oder vereint mehrere ältere Regelwerke. Sie entscheidet mit, welche Namen ein Winzer heute noch auf sein Etikett schreiben darf. Schon im Mittelalter legten Städte fest, welcher Wein sich wirklich Bordeaux nennen durfte.

Von den ersten Tonscherben im Kaukasus bis zu digitalen Herkunftsnachweisen und Apps, die Flaschen und Keller verwalten, bleibt eine Konstante über zehntausend Jahre hinweg erstaunlich stabil. Menschen kümmern sich intensiv um Herkunft, Echtheit und Handwerk hinter dem, was im Glas landet. Diese Sorgfalt, mehr als jede einzelne Technik, verbindet die georgischen Bauern der Jungsteinzeit mit den Naturwein-Winzern von heute. Jede Station dieser Reise, von der Kelter der Römer bis zum Klimawandel, zeigt letztlich dieselbe Grundspannung. Sie liegt zwischen dem Bewahren des Überlieferten und dem Zwang, sich an neue Umstände anzupassen. Wein war nie ein stilles Getränk in einem stillen Keller, sondern stets Teil größerer Umbrüche in Handel, Glauben, Politik und, ganz aktuell, im Klima selbst.

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