
Kalifornien schlägt Frankreich
Neue Welt, altes Urteil
Bis in die 1970er-Jahre galt für die meisten Weinkenner als ausgemacht, dass die besten Weine der Welt aus Frankreich kommen müssen. Ein einziger Nachmittag in Paris im Jahr 1976 stellte diese Gewissheit infrage. Er öffnete Kalifornien, Australien und später vielen weiteren Ländern die Tür zur Weltspitze.
Ein Engländer organisiert eine Provokation
Steven Spurrier war Engländer und betrieb eine Weinhandlung und Weinschule in Paris. Gemeinsam mit seiner amerikanischen Kollegin Patricia Gallagher plante er eine Verkostung anlässlich der zweihundertjährigen amerikanischen Unabhängigkeit. Am 24. Mai 1976 lud er im Pariser Hotel InterContinental neun angesehene französische Kritiker, Winzer und Sommeliers zu einer Blindverkostung ein. Niemand wusste dabei, welches Glas welchen Wein enthielt.
Gegeneinander traten kalifornische und französische Weine an, jeweils in zwei Kategorien: Weißwein aus Chardonnay und Rotwein vor allem aus Cabernet Sauvignon. Die Jury bestand fast ausschließlich aus französischen Experten. Sie waren überzeugt, ihre eigenen, hochkarätigen Weine aus Burgund und Bordeaux mühelos wiederzuerkennen und zu bevorzugen. Spurrier selbst nahm nicht als stimmberechtigter Juror teil, sondern organisierte die Verkostung im Hintergrund, weil er vor allem seine eigene Weinschule bekannter machen wollte und mit einem derart durchschlagenden Ergebnis kaum gerechnet hatte. Jeder Juror bewertete die Weine einzeln auf einer Punkteskala, ohne sich vorher mit den anderen abzusprechen. Das machte das Ergebnis später besonders schwer anzweifelbar.
Das Ergebnis, das niemand erwartet hatte
Beim Weißwein setzte sich der Chardonnay des kalifornischen Château Montelena aus dem Jahrgang 1973 gegen renommierte Weißweine aus Burgund durch. Beim Rotwein gewann der Cabernet Sauvignon des Weinguts Stag's Leap Wine Cellars, ebenfalls Jahrgang 1973. Er siegte vor mehreren klassifizierten Bordeaux-Gewächsen, die eigentlich als nahezu unschlagbar galten.
Die französischen Juroren erkannten die Herkunft der Weine falsch und verwechselten kalifornische mit französischen Flaschen. Ausgerechnet die amerikanischen Weine bewerteten sie am höchsten, während einige der teuersten französischen Etiketten überraschend schwach abschnitten. Ein Journalist des Time Magazine war zufällig unter den wenigen Zuschauern. Über Nacht machte er aus dem Ereignis eine internationale Meldung, die in Frankreich zunächst für Empörung sorgte. Manche der beteiligten Juroren versuchten hinterher sogar, ihre eigenen Bewertungszettel zurückzufordern. Ihnen war der Gedanke unangenehm, öffentlich mit ihrer Fehleinschätzung in Verbindung gebracht zu werden.
Warum das Urteil von Paris so viel veränderte
Vor 1976 galt kalifornischer Wein international meist als solides, aber unauffälliges Massenprodukt, kaum ernst genommen von etablierten europäischen Kritikern. Das Ergebnis dieser einen Verkostung bewies erstmals öffentlich: Winzer außerhalb Europas konnten, auf anderem Boden und mit anderem Klima, Weine von vergleichbarer Qualität herstellen. Dafür brauchte es nur Handwerk und Ehrgeiz, konsequent zusammengebracht.
Investoren und Käufer weltweit nahmen kalifornische Weingüter danach völlig neu wahr. Preise und Exportzahlen aus dem Napa Valley stiegen in den folgenden Jahren spürbar an. Auch andere Länder außerhalb Europas nutzten diesen neuen Rückenwind. Sie präsentierten sich selbstbewusster auf internationalen Märkten, statt sich weiterhin nur an europäischen Vorbildern zu orientieren. Zeitungen und Fachmagazine berichteten in den folgenden Jahren wiederholt über das Ereignis, und der Ausdruck Judgment of Paris setzte sich als feste Bezeichnung dafür durch, obwohl es sich eigentlich nur um eine kleine, informelle Verkostung im Hinterzimmer eines Hotels gehandelt hatte.
Die Neue Welt etabliert sich
In den folgenden Jahrzehnten bauten Australien, Chile, Südafrika und Neuseeland eigene, unverwechselbare Weinstile auf. Sie arbeiteten mit moderner Technik und weniger strengen historischen Vorgaben als traditionelle europäische Anbaugebiete. Diese Länder experimentierten freier mit Rebsorten, Ausbau und Vermarktung. Sie waren nicht an jahrhundertealte Klassifikationen gebunden, die in Frankreich oder Italien jede Änderung erschwerten.
Bis heute wird die Verkostung von 1976 regelmäßig wiederholt, unter anderem zu runden Jubiläen, und liefert dabei meist ähnliche Ergebnisse wie beim ersten Mal. Das Urteil von Paris zeigte damit dauerhaft, dass Herkunft allein keine Qualität garantiert und dass die Weinwelt seither tatsächlich global geworden ist. Wer heute eine Flasche aus Chile, Südafrika oder Neuseeland kauft, trinkt damit auch ein kleines Stück jenes Pariser Nachmittags. Damals geriet eine alte Ordnung plötzlich ins Wanken.