Weingürtel der Erde

Breitengrade des Weins

Weingürtel der Erde

Wein wächst nicht überall auf der Erde. Zwischen dem dreißigsten und fünfzigsten Breitengrad, auf beiden Halbkugeln, liegt ein schmales Band, in dem Reben genug Sonne und genug Kühle zugleich finden.

Zwei Bänder um die Erde

Reben brauchen eine lange, milde Wachstumsperiode, keine tropische Hitze und keinen strengen Dauerfrost. Diese Bedingungen erfüllen zwei Streifen der Erde besonders zuverlässig: einer zwischen dem 30. und 50. Breitengrad auf der Nordhalbkugel, der andere spiegelbildlich südlich des Äquators. Fachleute nennen diese Zonen die Weingürtel. Darin liegen praktisch alle großen Weinbauländer der Welt, von Deutschland im Norden bis Neuseeland im Süden.

Innerhalb dieser Bänder entscheidet die Nähe zum Äquator trotzdem viel. Nahe der dreißig Grad Marke ist es meist warm bis heiß, Weine werden dort kräftig und alkoholreich. Nahe der fünfzig Grad Marke wird jedes Grad Wärme knapp, und nur robuste, früh reifende Sorten schaffen es überhaupt bis zur Reife. Die spannendsten Weine entstehen oft an den Rändern dieser Gürtel, dort wo eine Region gerade noch funktioniert.

Warum ausgerechnet diese Breiten

Der Grund liegt in der Sonneneinstrahlung. Zwischen 30 und 50 Grad Breite trifft die Sonne schräg genug auf, dass es vier spürbar unterschiedene Jahreszeiten gibt, aber steil genug, dass genug Wärme für die Photosynthese ankommt. Eine Rebe braucht diesen Rhythmus: Austrieb im Frühling, Wachstum im Sommer, Reife im Frühherbst, Ruhephase im Winter. Näher am Äquator fehlt der kühle Winter, den die Pflanze zur Erholung braucht, näher an den Polen reicht die Wärmesumme über das Jahr nicht mehr aus.

Auch die Tageslänge spielt mit. In diesen Breiten sind Sommertage lang genug, dass eine Traube über viele Stunden am Tag Zucker aufbauen kann, ohne bei sengender Mittagshitze zu verbrennen. Näher am Äquator sind Tag und Nacht fast gleich lang, das ganze Jahr über, und der zeitliche Rhythmus fehlt, an dem sich Reben orientieren.

Ausnahmen bestätigen die Regel

Nicht jede Weinregion liegt exakt in diesem Band, und das zeigt, dass der Breitengrad allein nicht alles erklärt. In Äthiopien und Bolivien wachsen Reben nahe am Äquator, aber in großer Höhe, wo dünne Luft und kühle Nächte ein Klima erzeugen, das eigentlich viel weiter nördlich oder südlich zu erwarten wäre. Umgekehrt bleibt Kanadas Weinbau trotz hoher Breite möglich, weil große Seen die Winterkälte abmildern.

Auch Inseln zeigen das. Die Kanaren liegen näher am Äquator als jede europäische Weinregion sonst, doch kühlender Passatwind und die Höhenlage der Vulkanhänge machen Weinbau dort trotzdem möglich. Ein Weingürtel ist eher ein Wahrscheinlichkeitsband als eine harte Grenze: Innerhalb ist Weinbau leicht, außerhalb braucht es einen guten Grund, warum es trotzdem klappt.

Der Gürtel wandert

Diese beiden Bänder sind keine feste Linie auf der Landkarte, sondern eine grobe Faustregel, die sich mit dem Klima verschiebt. Fachleute beobachten seit Jahrzehnten, wie sich die nutzbaren Ränder der Weingürtel langsam weiter Richtung Pole verlagern. England, lange als Weinbauland kaum ernst genommen, hat inzwischen mehrere hundert kommerzielle Weingüter. Was heute noch Randlage ist, kann in dreißig Jahren Kernland sein.

Für die Weinbauländer in der Mitte der Gürtel, etwa Frankreich oder Italien, ist diese Wanderung eine ruhigere Angelegenheit als für die Länder am Rand. Wo ohnehin schon reichlich Wärme vorhanden war, macht ein Grad mehr wenig aus. Wo bisher jedes Zehntelgrad über die Reife entschied, wie an der Nordgrenze des Weinbaus, kann derselbe eine Grad zwischen Ernte und Missernte liegen.

Ein Blick auf die Karte genügt

Wer eine Weinkarte der Welt betrachtet, sieht die beiden Gürtel fast auf den ersten Blick. Sie zeichnen sich wie zwei breite Schatten um den Globus. Nördlich davon beginnt bald zu raues Klima. Südlich des Äquator-Gürtels wird es oft zu heiß und zu trocken für feinen Wein. Zwischen den beiden Bändern, direkt am Äquator, findet sich dagegen fast kein nennenswerter Weinbau. Die Karte ist damit erstaunlich einfach zu lesen, sobald man einmal weiß, worauf man achten muss.

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