
Weißwein wie Rotwein
Orange Wine
Orange Wine entsteht, wenn helle Trauben wie eine rote Sorte behandelt werden: Der Saft bleibt tagelang oder monatelang auf seinen eigenen Schalen. Diese letzte Station zeigt, woher dieser uralte Stil stammt und was der lange Schalenkontakt im Glas verändert.
Ein Weißwein mit Rotwein-Technik
Normalerweise wird heller Traubensaft sofort von seinen Schalen getrennt, bevor die Gärung überhaupt beginnt. Genau das unterscheidet Weißwein üblicherweise von Rotwein. Bei Orange Wine dagegen bleibt der Saft heller Sorten auf den Schalen liegen, manchmal zusammen mit Stielen. Das geschieht während der gesamten oder eines Teils der Gärung. Oft dauert dieser Kontakt Wochen oder sogar Monate statt nur Stunden. Manche Winzer setzen sogar ganze Trauben samt Stielen ein, weil die Stiele zusätzliches Tannin und eine leicht grüne, würzige Note beisteuern können.
Aus den Schalen lösen sich dadurch Farbstoffe, Tannin und Struktur. All das fehlt einem klassischen Weißwein. Je nach Sorte und Kontaktdauer reicht die entstehende Farbe von zartem Bernstein bis zu kräftigem Orange. Der Wein bekommt dabei eine fast rotweinartige Textur, obwohl er aus hellen Trauben stammt. Wie stark diese Effekte am Ende ausfallen, hängt außerdem stark davon ab, ob ein Winzer den Behälter regelmäßig umrührt oder die Schalen einfach ruhig liegen lässt.
Eine Jahrtausende alte Technik aus Georgien
Diese Methode ist keine neue Erfindung. Sie ist eine der ältesten Weinbereitungsarten überhaupt. Im Kaukasusland Georgien reift Wein seit Jahrtausenden in großen, eiförmigen Tongefäßen namens Qvevri. Sie werden komplett im Boden vergraben und samt Schalen und manchmal Stielen befüllt. Die Erde hält die Temperatur darin über Monate erstaunlich konstant. Traditionell werden die Qvevri-Gefäße vor jeder neuen Füllung sorgfältig mit heißem Wasser und wilden Kräutern gereinigt, ein Ritual, das über Generationen unverändert weitergegeben wurde.
Die UNESCO nahm diese traditionelle Qvevri-Weinbereitung 2013 in ihre Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf. Das ist eine seltene Auszeichnung. Sie zeigt, wie eng diese Technik mit der georgischen Kultur verwoben ist. Für Georgien ist Orange Wine also kein Trend. Es ist ununterbrochene Tradition. Georgische Familien lagern ihre eigenen, oft handgefertigten Qvevri bis heute häufig über Generationen im selben Weinkeller weiter.
Die moderne Wiederentdeckung
Außerhalb Georgiens geriet die Technik über weite Strecken des zwanzigsten Jahrhunderts fast in Vergessenheit. Klarer, fruchtiger Weißwein bestimmte damals den Markt. Ab den 1990er-Jahren begannen einige Winzer im norditalienisch-slowenischen Grenzgebiet Friaul, gezielt wieder mit langem Schalenkontakt bei Weißwein zu experimentieren. Zunächst war das eher eine Randerscheinung. Kritiker warfen dem neuen Stil anfangs vor, lediglich Fehler wie Oxidation schönzureden, während Anhänger genau diese Ecken und Kanten als Ausdruck von Handwerk und Ehrlichkeit feierten.
Von dort verbreitete sich der Stil langsam über Europa. Schließlich erreichte er die ganze Weinwelt. Oft geschah das im Umfeld der sogenannten Naturweinbewegung, die auf möglichst wenig Eingriffe im Keller setzt. Der inzwischen gebräuchliche Name „Orange Wine“ kam erst deutlich später auf. Geprägt wurde er von Weinhändlern, die für den ungewöhnlichen Stil eine griffige Bezeichnung suchten. Heute findet man Orange Wine längst nicht mehr nur bei kleinen Naturweinerzeugern, sondern zunehmend auch auf den Karten etablierter Weingüter und Restaurants.
Was der Schalenkontakt im Glas bewirkt
Durch den langen Kontakt mit Schalen und manchmal Stielen bekommt Orange Wine spürbares Tannin. Das gibt ihm eine leicht adstringierende, an schwarzen Tee erinnernde Textur, ungewöhnlich für einen Wein aus hellen Trauben. Aromen von getrockneten Aprikosen, Nüssen oder Tee treten oft an die Stelle der sonst so lauten Frucht heller Sorten. Gerade diese Tanninstruktur macht manche Orange Wines überraschend gut lagerfähig, obwohl sie ursprünglich aus einer eigentlich eher kurzlebigen weißen Traube gewonnen wurden.
Manche Orange Wines zeigen außerdem sichtbaren Bodensatz oder feine Trübung, weil auf Filtration bewusst verzichtet wird. Wer diesen Stil zum ersten Mal probiert, sollte ihn deshalb anders einordnen. Er ist weniger mit klassischem Weißwein zu vergleichen. Er ist eher ein eigener, dritter Weg zwischen Weiß und Rot. Am besten lässt sich dieser Stil deshalb mit offenem Kopf verkosten, ohne die gewohnten Erwartungen an Weiß- oder Rotwein von vornherein anzulegen.