
Cabernet vor Riesling
Rebsorten
Eine Rebsorte bestimmt heute das Bild der Weinberge im Staat: Cabernet Sauvignon. Mit über zwanzigtausend Acres allein im Jahr 2023 lag sie deutlich vor jeder anderen Sorte. Bei der Ernte 2024 stammte zudem gut ein Viertel der gesamten Traubenmenge Washingtons von ihr. Das war nicht immer so. Bis in die Neunzigerjahre baute der Staat seinen Ruf vor allem auf Merlot auf, einer weicheren, runderen Sorte, die für viele Amerikaner der erste ernsthafte Rotwein überhaupt war.
Riesling folgt auf Platz zwei, mit rund fünfzehn Prozent der Erntemenge 2024. Kühle Nächte erhalten der Sorte ihre Säure, selbst wenn die Tage im Hochsommer brütend heiß werden. Genau dieses Nebeneinander von Hitze und Kühle macht Rieslinge aus der Columbia Valley oft trockener und kräftiger, als man von der Sorte erwartet. Chateau Ste. Michelle in Woodinville machte sie schon in den Siebzigerjahren zum Aushängeschild des Staates, lange bevor Cabernet Sauvignon überhaupt zählte.
Merlot verdient dabei besondere Erwähnung. Sie erzielte 2024 mit rund zweitausendsechshundert Dollar je Tonne den höchsten Preis aller wichtigen Rotweinsorten im Staat, obwohl ihre Anbaufläche seit Jahren schrumpft. Chardonnay, Syrah und Sauvignon Blanc folgen mit deutlichem Abstand. Wer probiert, merkt schnell: Washington schmeckt selten nach nur einer Sorte, sondern nach dem Kontrast zwischen sonnenreifer Frucht und kühler Säure.
Wo eine Traube wächst, entscheidet fast mehr als die Sorte selbst. Cabernet Sauvignon von Red Mountain schmeckt dicht und dunkel, mit reifer schwarzer Frucht, weil dort die heißesten Lagen des Staates liegen. Derselbe Cabernet aus einer kühleren Ecke der Walla Walla Valley wirkt dagegen schlanker, mit mehr grüner Paprika und Kräuternote im Hintergrund. Diese Bandbreite innerhalb einer einzigen Sorte überrascht viele Verkoster am meisten.