
Regenschatten und Breitengrad
Klima
Wer eine Landkarte auflegt, findet die Weinberge der Columbia Valley ungefähr auf dem sechsundvierzigsten Breitengrad Nord, fast genau auf der Höhe von Bordeaux. Getrunken schmecken die Weine trotzdem kaum vergleichbar. Der Grund dafür liegt keine zweihundert Kilometer weiter westlich: das Kaskadengebirge. Es fängt jeden Sturm ab, der vom Pazifik hereinzieht, bevor er den Osten des Staates je erreicht.
Auf der Westseite der Berge, rund um Seattle, fallen jährlich zwischen neunhundert und tausend Millimeter Regen. Auf der Ostseite, wo fast alle Weinberge Washingtons liegen, sind es oft nur zwischen hundertfünfzig und dreihundert Millimeter im Jahr. Das ist Wüstenklima. Ohne künstliche Bewässerung aus dem Columbia River würde hier keine einzige Rebe überleben. Genau diese Kontrolle über das Wasser gibt Winzern eine Freiheit, die Regionen mit viel Regen so nie haben.
Der zweite Vorteil liegt am Himmel selbst. Weil Washington so weit nördlich liegt, dehnt sich das Tageslicht im Hochsommer auf bis zu siebzehn Stunden aus, gut zwei Stunden mehr als im kalifornischen Napa Valley. Die Trauben bekommen dadurch spürbar mehr Zeit zum Reifen, ohne dass die Tageshöchsttemperaturen deshalb extremer ausfallen müssten. Mehr Licht bei gemäßigter Hitze: Das ist der eigentliche Trick.
Nachts kühlt die trockene Wüstenluft schnell aus, oft um zwanzig Grad oder mehr gegenüber dem Tageshöchstwert. Diese Differenz hält die Säure in den Beeren fest, während die Frucht tagsüber weiterreift, und genau dieser Wechsel gibt Cabernet Sauvignon und Riesling aus der Columbia Valley ihre auffällige Frische. Ganz ohne Risiko ist das Klima trotzdem nicht. Ein harter Frost im Winter kann ganze Weinberge bis auf den Stamm zurückwerfen und die Ernte eines ganzen Jahrgangs kosten.