Region & Geschichte in der Region Washington

Wüste wird Weinberg

Region & Geschichte

Auf dem trockenen Land östlich der Kaskaden wuchs bis weit ins zwanzigste Jahrhundert vor allem Beifuß. Wein war hier nie selbstverständlich. Erste europäische Rebsorten kamen zwar schon im neunzehnten Jahrhundert mit Siedlern ins Yakima-Tal, blieben dort aber eine Randerscheinung neben Äpfeln und Hopfen, den eigentlichen Geldbringern der Gegend. Am Tag, als die Prohibition 1933 endete, gründeten Geschäftsleute in Seattle sofort die National Wine Company, während ein zweiter Betrieb zur selben Zeit Fruchtwein aus Brombeeren und schwarzen Johannisbeeren einkochte.

1954 fusionierten beide zu American Wine Growers. Zwei Jahrzehnte blieb das Sortiment süß und schlicht, gedacht für den Massengeschmack der Nachkriegszeit und nicht für Kenner. Das änderte 1967 ein Berater aus Russland: André Tchelistcheff riet dem Unternehmen, ernsthafte europäische Reben zu pflanzen statt nur heimische Beeren zu vergären. Zwei Jahre später kam die erste Flasche unter neuem Namen auf den Markt, Ste. Michelle, benannt nach einer französischen Heiligen und nicht nach einem Ort in Washington.

1976 stand in Woodinville, nordöstlich von Seattle, das neue Kellergebäude Chateau Ste. Michelle. Gründungspräsident Wally Opdycke ließ es mitten in einen alten Waldpark bauen, weit weg von den eigentlichen Weinbergen im heißen Osten des Staates. Fast wie ein Schaufenster für die ferne Stadt. Sieben Jahre danach, im März 1983, erklärte die US-Regierung das Yakima Valley zur ersten offiziell abgegrenzten Weinbauregion des Staates und zugleich zur ersten nördlich von Kalifornien überhaupt. Ganze vier Weingüter bewirtschafteten damals dort Reben.

Heute steht Washington nach Kalifornien an zweiter Stelle unter den Weinbaustaaten der USA. Knapp tausend Weingüter erzeugen dort ihren Wein, verteilt auf mehr als zwanzig eigene Herkunftsgebiete, anerkannt von der amerikanischen Steuerbehörde TTB als American Viticultural Area, kurz AVA. Über allen liegt seit 1984 die Columbia Valley. Sie deckt heute rund neunundneunzig Prozent der Rebfläche des Staates ab. Aus einer Beifußwüste wurde in nicht einmal hundert Jahren ein Weinland von internationalem Rang.

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