
Sechszeilige Gerste
Getreide
Wer in Schottland Gerste sagt, meint fast immer zweizeilige Sorten, bei denen zwei Reihen Körner an der Ähre sitzen. In Nordindien ist es umgekehrt: Indri, Rampur und Godawan setzen auf sechszeilige Gerste, wie sie in Rajasthan, Haryana, Punjab und im nahen Uttarakhand wächst. Die Ähre trägt mehr Körner, aber jedes davon weniger Stärke und mehr Eiweiß als bei der zweizeiligen Verwandtschaft.
Dieser Unterschied schmeckt man später im Glas. Mehr Eiweiß und Ballaststoffe geben der Maische mehr Gewicht und ziehen beim Brennen fruchtige, leicht gerbstoffige Noten mit sich. Godawan bezieht seine Gerste direkt aus den Feldern rund um Alwar, wo trotz der Trockenheit genug Bewässerung aus Brunnen und Kanälen für den Anbau bleibt. Indri lässt sein Malz extra aus Rajasthan anliefern, obwohl die Brennerei selbst in Haryana steht.
Rechtlich ist das keine Pflicht, nur eine Wahl. Die indischen Alcoholic-Beverages-Regeln von 2018 erlauben Whisky auch aus reinem Neutralsprit, gewonnen aus Zuckerrohrmelasse statt aus Getreide. Genau diesen Weg geht der Großteil der Marken im Land: billiger Melassealkohol, mit Farb- und Aromastoffen auf Whiskygeschmack getrimmt. Rampur, Indri und Godawan verzichten darauf und maischen aus geschrotetem, gemälztem Getreide allein.
Mais oder Roggen spielen hier praktisch keine Rolle, anders als in den USA oder Kanada. Die Region bleibt bei ihrer Gerste, weil sie vor der eigenen Haustür wächst und weil die Brennereien ihren Whisky ausdrücklich Single Malt nennen wollen, ein Begriff, der ohnehin nur gemälztes Getreide einer einzigen Sorte zulässt. Die kurze Transportstrecke von den Feldern Rajasthans zu den Brennblasen ist dabei mehr als nur praktisch: Sie ist Teil des Verkaufsarguments, mit dem Godawan und Indri im Ausland auftreten.