
Schneller Engelsanteil
Fass & Reifung
In Yilan altert Whisky in einem Tempo, das schottische Brennmeister überrascht. In Schottland verdunsten im Schnitt rund zwei Prozent des Fassinhalts pro Jahr, der sogenannte Engelsanteil. Bei Kavalan sind es zehn bis fünfzehn Prozent. In besonders heißen Sommern waren es schon einmal bis zu achtzehn Prozent.
Grund dafür sind die drei Lagerhäuser auf dem Gelände in Yuanshan, mitten in der Lanyang-Ebene. Im Sommer steigt die Temperatur dort regelmäßig über dreißig Grad. In den oberen Stockwerken erreicht sie bis zu dreiundvierzig Grad. Bei solcher Hitze dehnt sich der Whisky im Holz aus und dringt tief in die Fasswand ein. So holt er sich Aromen, für die es in Schottland Jahrzehnte braucht.
Was in einem schottischen Lagerhaus zwölf bis achtzehn Jahre dauert, ist in Yilan oft schon nach vier bis sechs Jahren erreicht. Das ist ein Grund, warum viele Kavalan-Abfüllungen ganz ohne Altersangabe auskommen. Die Jahreszahl allein sagt hier wenig über die tatsächliche Reife aus.
Gelagert wird in gebrauchten Fässern unterschiedlicher Herkunft: ehemalige Bourbon-Barrels, Oloroso-Sherryfässer, Portweinfässer und Weinfässer aus Europa. Für Letztere entwickelte Kavalan gemeinsam mit Jim Swan die sogenannten STR-Fässer. Dabei werden alte Weinfässer innen abgehobelt, neu getoastet und angekohlt. So verliert das Holz den muffigen Weinton und gewinnt neue Kraft zurück.
Diese STR-Fässer wurden später zum Markenzeichen von Kavalan. In der subtropischen Hitze geben sie besonders schnell reife, würzige Aromen ab. Der Whisky schmeckt danach trotzdem nicht nach Wein.