
Kurzer & Kneipe
Trinkkultur
Deutsche Kneipen kennen eine klare Regel: Wodka wird pur und eiskalt getrunken, oft direkt aus dem Gefrierfach. Kleine, schmale Gläser, von manchen liebevoll Stamperl oder Pinnchen genannt, werden randvoll gefüllt und in einem Zug geleert. Verdünnen oder auf Eis servieren gilt vielen als Verschwendung.
Vor dem Trinken wird angestoßen, meist mit einem knappen „Prost“ oder „Zum Wohl“. Wer eine Runde ausgibt, „schmeißt eine Lage“, ein fester Ausdruck aus der Kneipenkultur, der zeigt, wie sehr Trinken hier Gemeinschaft bedeutet. Alleine einen Kurzen zu bestellen, gilt in geselliger Runde fast als unhöflich.
Als Marken wie Gorbatschow oder Puschkin in den siebziger und achtziger Jahren zu Partygetränken wurden, verband sich mit Wodka auch ein Hauch von Exotik. Er klang russisch, wurde aber tatsächlich in Berlin oder Westfalen gebrannt. Zu Silvester gehört seither in vielen Familien ein Kurzer um Mitternacht dazu, noch vor dem ersten Feuerwerk.
Zum geselligen Ritual gehört auch, dass der Wodka meist eine Kneipenmahlzeit begleitet, nicht ein feines Menü. Ein kalter Imbiss reicht, dazu ein kühles Bier als zweites Glas. Wodka pur bleibt dabei die Ausnahme vom sonst eher biergeprägten Alltag. Diese Mischung aus Deftigkeit und Hochprozentigem prägt die Kneipenkultur bis heute.
Wer in Berlin eine echte Kneipenrunde erlebt, merkt schnell: Regeln gibt es viele, ungeschriebene wie geschriebene. Man trinkt nicht schneller als die Runde, man lässt niemanden allein am Tresen stehen, und der Kurze wird erst gehoben, wenn alle Gläser gefüllt sind. So wird aus einem simplen Schnaps ein kleines gemeinschaftliches Ritual.