
Terviseks und eiskalt
Trinkkultur
In Tallinner Runden fällt zuerst ein Wort, bevor das Glas angehoben wird: „Terviseks“, zur Gesundheit. Der Trinkspruch bleibt kurz, ohne große Rede. Meist wird das kleine Glas kurz danach in einem Zug geleert, nicht in kleinen Schlucken.
Getrunken wird pur und eiskalt, direkt aus dem Gefrierfach oder von einer Eisplatte auf dem Tisch. Eiswürfel im Glas gibt es nicht, sie würden den Wodka nur verwässern. Die Kälte dämpft die Schärfe des Alkohols und macht den Geruch des Getreides erst richtig deutlich wahrnehmbar.
Fest verbunden ist das Glas oft mit der Sauna, einem der wenigen wirklich landesweiten Rituale. Erst kommt der heiße Aufguss, dann die kalte Dusche oder der See. Dazwischen steht bei manchen Familien ein kleines Glas zur Erholung bereit, nie als Ersatz für die Sauna selbst.
Zu größeren Anlässen wie Mittsommer, Jaanipäev, oder zu Hochzeiten gehört ein Glas Viru Valge als eines von mehreren Getränken auf den Tisch, nicht als Mittelpunkt des Abends. Reihum wird angestoßen. Wer nicht trinken will, bekommt Saft oder Wasser, ohne dass jemand nachfragt.
Der Ton bleibt insgesamt zurückhaltend. Laute Trinksprüche und ständiges Nachschenken gelten als unhöflich. Ein knappes „Terviseks“ und ein kurzes Nicken reichen den meisten Gästen völlig.
Wer ablehnt, muss sich in geselliger Runde nicht erklären. Das gilt in estnischen Runden längst als normal, anders als es das Klischee vom trinkfreudigen Osten manchmal vermuten lässt.