
Klar und kühl
Verkosten
Estnischer Wodka aus Roggen schmeckt selten aufdringlich. Wer das erwartet, wird enttäuscht. Die Idee dahinter ist gerade die Abwesenheit von lautem Geschmack: ein klares, fast neutrales Getränk mit einer feinen, leicht mehligen Kornnote im Hintergrund. Gerade weil er neutral gehalten wird, verrät jeder kleine Fehler in der Herstellung sich sofort im Glas.
Das bekannteste Beispiel aus der Region ist Viru Valge. Liviko stellt ihn seit 1962 in Tallinn her, als älteste Wodkamarke Estlands. Die Brennerei bietet ihn in mehreren Ausführungen an, von einer eher weichen bis zu einer kräftigeren, deutlich spürbaren Variante, beide auf Basis von Getreide aus estnischen Feldern.
Wer richtig verkosten will, sollte den Wodka nicht eiskalt aus dem Gefrierfach nehmen. Besser ist leicht gekühlt, etwa auf sechs bis acht Grad, in einem schmalen Glas. So bleibt genug Aroma übrig, um Getreide, ein wenig Süße und die alkoholische Schärfe getrennt und in Ruhe wahrzunehmen, statt nur Kälte zu schmecken.
Ein kleiner Schluck, kurz im Mund behalten, dann schlucken. Danach zählt der Nachgeschmack: Bleibt ein sauberes Korn-Aroma zurück oder eine unangenehme Schärfe, verrät das mehr über die Qualität der Rektifikation als jedes Etikett.
Vana Tallinn aus derselben Brennerei gehört nicht in diese Reihe, denn er ist offiziell ein Likör, kein Wodka. Er ist gewürzt mit Vanille, Zimt und Zitrusölen auf einer Basis aus jamaikanischem Rum, eher ein Dessertgetränk als ein Beispiel für Getreidebrand.