
Ein Amerikaner erfindet
Region & Geschichte
Picardie hat keine Wodka-Geschichte, wie Polen oder Russland sie erzählen. Kein Kloster hat hier je Getreidebrand gebrannt, kein Staat hat ein Monopol verordnet. Die Geschichte dieser Region beginnt spät, nämlich 1997, und sie beginnt mit einem Amerikaner.
Sidney Frank, ein New Yorker Getränkeimporteur, wollte einen Wodka für den amerikanischen Markt, der nicht nach Osteuropa klang, sondern nach Luxus. Er suchte einen Ort mit gutem Ruf für Handwerk und fand ihn in Frankreich. Mit dem Kellermeister François Thibault legte er fest, woher die Zutaten kommen sollten: Winterweizen aus der Picardie, einer Ebene nördlich von Paris, die wegen ihrer Böden als Kornkammer Frankreichs gilt.
Warum zwei Regionen für einen Wodka? Das Getreide wuchs im Norden, doch für Wasser und Ausbau wählte man die Gegend um Cognac im Westen, wo seit Jahrhunderten Branntwein veredelt und gelagert wird. Dort steht bis heute die Anlage, die den Weizenbrand mit Quellwasser aus Gensac-la-Pallue verschneidet und abfüllt. Die Marke heißt seither Grey Goose, nach der grauen Wildgans, die im Winter über die Ebenen zieht.
Der Erfolg kam schnell. Grey Goose wurde in den USA zum meistverkauften Wodka im obersten Preissegment, und schon 2004 verkaufte Sidney Frank die Marke an den Spirituosenkonzern Bacardi, Berichten zufolge für rund zwei Milliarden US-Dollar. Es war einer der höchsten je gezahlten Preise für eine einzelne Spirituosenmarke.
Ein paar Jahre später zog ein zweiter Wodka aus Frankreich nach: Cîroc, seit 2003 von Master Distiller Jean-Sébastien Robicquet entwickelt, dessen Familie in Salles-d'Angles bei Cognac seit über fünfhundert Jahren brennt. Anders als Grey Goose setzt Cîroc nicht auf Getreide, sondern auf Trauben aus Gaillac, weiter südlich.