
Zarenmonopol & Sowjetzeit
Region & Geschichte
Am Zusammenfluss von Nemunas und Neris liegt Kaunas, die zweitgrößte Stadt Litauens. Mitten in der Altstadt, an der Ecke Bažnyčios- und Girstupio-Straße, steht seit über hundert Jahren eine Brennerei mit dem Namen Stumbras, litauisch für Wisent.
Die Geschichte beginnt 1894, als das Zarenreich ein Gesetz erließ, das die Herstellung von Alkohol zum Staatsmonopol machte. Der Staat wollte damit die Staatskasse füllen und gleichzeitig die Qualität des Wodkas heben, denn private Brennereien nahmen es mit dem Reinheitsgrad nicht immer genau. Die Stadt Kaunas kaufte 1903 ein Grundstück für 52.200 Rubel, eine für die damalige Zeit hohe Summe, und 1906 stand dort das Gebäude, amtlich das „Kaunas Staatliche Weinlager Nr. 1".
Nach der sowjetischen Besetzung wurden alle Betriebe verstaatlicht. 1948 verschmolz der Staat die Fabrik mit der Likörfabrik von Mykolas Velykis, die ebenfalls in Kaunas saß, zu einem einzigen Werk unter dem Namen Stumbras. Aus der einstigen Zarenbrennerei wurde damit der größte Getränkehersteller im sowjetischen Litauen, mit Absatz weit über die Stadtgrenzen hinaus.
Erst nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit änderte sich das wieder. 2003 privatisierte der Konzern MG Baltic das Werk, es folgte eine technische Rundumerneuerung, und heute gehört Stumbras zur MV Group. Von Kaunas aus gehen die Flaschen inzwischen in rund dreißig Länder.
Nicht jede Kaunaser Spirituose kam aus der Staatsbrennerei. Der Kräuterbitter Trejos Devynerios entstand schon im 19. Jahrhundert in litauischen Apotheken, ursprünglich in der Kurstadt Palanga an der Ostsee. Dort mischten Apotheker 27 Kräuter und Gewürze in reinen Getreidespiritus und verkauften das Ergebnis gegen Erkältung, Migräne und Erschöpfung. Wer heute in Kaunas ein Glas davon trinkt, hebt eigentlich eine alte Medizin.