
Zar, Staat, Sowjet
Region & Geschichte
Wer in Moskau nach der Geschichte des Wodkas fragt, landet fast immer bei einem Aktenzeichen: Finanzminister Sergei Witte legte 1894 den Grundstein für ein neues Staatsmonopol, das schon Zar Alexander III. gefordert hatte. Witte versprach dem Staatsrat, kontrollierter Verkauf mache die Bevölkerung nüchterner statt betrunkener. Die Staatskasse füllte sich trotzdem enorm, bis 1914 kam fast ein Drittel der Staatseinnahmen aus dem Wodka-Verkauf.
Am 24. Juni 1901 eröffnete an der Jausa, einem Nebenfluss der Moskwa, das Staatliche Weinlager Nr. 1, der Vorläufer der heutigen Brennerei Kristall. Es war die größte Anlage im Land und musste jährlich über zwei Millionen Wodka-Eimer liefern. Drei Sorten kamen anfangs aus den Kesseln: eine einfache, eine verbesserte und die „Bojarskaja“, benannt nach dem alten russischen Landadel.
Schon Jahrzehnte vorher hatte ein anderer Moskauer für Aufsehen gesorgt. Pjotr Smirnow, als Leibeigener geboren, gründete 1864 in der Pjatnizkaja-Straße im Stadtteil Zamoskvoretschje seine Brennerei und wurde in den 1880er Jahren offizieller Hoflieferant des Zaren. Mit Zeitungswerbung und Holzkohlefiltration eroberte er zwei Drittel des Moskauer Marktes. Nach seinem Tod 1898 führte Sohn Wladimir das Geschäft weiter, bis der Staat es 1904 verstaatlichte.
Die Revolution von 1917 beendete die Familiengeschichte in Russland. Wladimir Smirnow floh über Konstantinopel nach Paris und verkaufte die Namensrechte später an Auswanderer, die daraus im Ausland die Marke Smirnoff formten, geschrieben mit Doppel-f. In Moskau selbst lief die Produktion unter neuem Namen weiter, und genau hier, im Werk Kristall, entstand später Stolichnaya, dessen Name so viel wie die Hauptstädtische bedeutet.
Nach 1991 kaufte der Unternehmer Juri Schefler die Namensrechte an Stolichnaya, Moskowskaja und weiteren Marken für rund 300.000 US-Dollar; seit 2003 streiten seine Firma SPI Group und der russische Staat darum, wem die Namen wirklich gehören. Ein niederländisches Gericht sprach 2018 die Rechte für die Beneluxstaaten dem russischen Staat zu. Bis heute regeln GOST-Normen, staatliche technische Vorschriften aus Sowjetzeiten, was in Russland offiziell Wodka heißen darf. Kristall brennt mitten in Moskau weiter, in der Stadt, die einmal das Monopol erfand.