
Frost & Rituale
Trinkkultur
Gemeinsames Kochen wird in sibirischen Küchen manchmal selbst zum Trinkanlass. Beim Formen von Pelmeni, den kleinen gefüllten Teigtaschen, gilt ein alter Brauch. Für jede hundertste fertige Tasche soll ein Glas die Runde machen. Das ist eine Art Belohnung für die mühsame Handarbeit.
Serviert wird der Wodka fast immer eiskalt und pur. Er kommt in kleinen Gläsern auf den Tisch, die in einem Zug geleert werden. Vor dem Trinken spricht meist jemand einen kurzen Trinkspruch. Oft geht er an jemanden aus der Runde oder auf einen bestandenen Winter.
Weit verbreitet ist der Glaube, ein Schluck Wodka wärme von innen gegen die sibirische Kälte. Tatsächlich weiten sich die Blutgefäße unter der Haut. Das fühlt sich zunächst warm an, während der Körper insgesamt schneller auskühlt. Ärzte beschreiben diesen Effekt schon seit Langem.
Auf Expeditionen in die Taiga, bei Jägern oder Geologen, gehört eine Flasche seit Sowjetzeiten trotzdem zur Grundausstattung. Sie dient weniger zum Warmhalten als zur Verständigung am Lagerfeuer. Dort ist oft tagelang niemand sonst zu sehen.
Feste im sibirischen Winter, etwa rund um Neujahr, ziehen sich oft über mehrere Tage. Der Tisch ist dann reich gedeckt, mit Trinksprüchen auf Familie und Gesundheit. Ein weiterer Spruch gilt fast immer dem Überstehen der kalten Jahreszeit.
Wer bei solchen Festen zu Gast ist, lehnt ein angebotenes Glas selten ab. Das gilt in Sibirien als unhöflich, besonders wenn der Gastgeber selbst mittrinkt. Ein leeres Glas wird meist rasch nachgefüllt, bevor der nächste Trinkspruch beginnt.