
Stint und Sakuska
Wodka & Essen
Im Frühling riecht die Newa für ein paar Wochen nach frischer Gurke. Der Geruch kommt von der Koryuschka, dem Newa-Stint. Der kleine Fisch zieht genau dann in Schwärmen aus dem Finnischen Meerbusen flussaufwärts, um zu laichen, und verströmt dabei einen auffällig frischen, fast pflanzlichen Duft, den Fischer und Köche der Stadt seit Generationen kennen.
Der Fang wird traditionell einfach zubereitet: leicht in Mehl gewendet und in heißem Fett knusprig gebraten. Mit Salz und manchmal etwas Dill bestreut, braucht der Fisch nicht mehr. Zur Zeit des Aufstiegs feiert die Stadt bis heute ein eigenes Koryuschka-Fest, bei dem der frisch gebratene Fisch direkt am Fluss verkauft wird.
Zum knusprigen, leicht öligen Fisch passt eiskalter Wodka besser als jedes andere Getränk. Die Kälte und die Klarheit des Wodkas räumen das Fett im Mund ab, statt sich mit ihm zu vermischen. Genau diese Kombination aus kaltem Hochprozentigem und warmem, frisch Gebratenem gilt vielen in der Stadt als eine der wenigen wirklich ortstypischen Küchen-Wodka-Paarungen.
Außerhalb der Stint-Saison bleibt der Tisch trotzdem selten leer. Eingelegte Gurken, dunkles Roggenbrot und gesalzener Hering gehören zur Grundausstattung jeder Sakuska. Dazu kommt oft ein Löffel Sauerrahm oder etwas Meerrettich, der die Schärfe des Wodkas aufnimmt, statt sie zu verstärken. Diese einfachen Zutaten stammen, anders als der Wodka selbst, meist aus der unmittelbaren Umgebung der Stadt und aus ihren Gärten und Flüssen.
Am Ende zeigt sich am Tisch dasselbe Muster wie schon am Hof der Zaren. Kaltes, klares Getränk und einfache, kräftige Häppchen ergänzen sich, weil keines der beiden für sich allein den Abend trägt. Der Fisch aus der Newa und das Wasser aus der Ladoga treffen sich so am Ende buchstäblich auf demselben Teller.