
Toast und Sakuska
Trinkkultur
Am russischen Tisch beginnt ein geselliger Abend erst mit dem ersten Trinkspruch. Ein Toast ist mehr als eine höfliche Floskel vor dem Trinken. Er markiert eine Pause im Gespräch, in der jemand etwas sagt, das den Moment, die Gastgeber oder die Anwesenden würdigt, bevor alle gemeinsam trinken.
Getrunken wird dabei meist in kleinen Gläsern und auf einen Zug. Do dna, wie es im Russischen heißt: bis zum Boden. Ein Glas nur anzutippen oder halbvoll stehen zu lassen, gilt unter Gastgebern schnell als unhöflich. Genauso unhöflich ist es, Wodka ohne Beilage zu trinken.
Diese Beilage heißt Sakuska, kleine kalte oder warme Häppchen, die zwischen den Trinksprüchen gereicht werden. Dazu gehören eingelegte Gurken, Roggenbrot, Hering und manchmal Pilze. Der Ursprung liegt am Zarenhof des 18. Jahrhunderts, der seit Peter dem Großen in St. Petersburg saß. Solche Häppchen wurden stehenden Gästen vor dem eigentlichen Essen gereicht, oft von Dienern, während die Herrschaft noch wartete.
Aus höfischem Empfangsritual wurde über das 19. Jahrhundert ein Brauch für alle. Was am Zarenhof den Wartesaal überbrückte, hielt später am Küchentisch die Gäste bei Laune, während der Wirt die Gläser nachfüllte. Der Trinkspruch blieb dabei die Regieanweisung des Abends, er bestimmt, wann getrunken wird und wann Pause ist.
Bis heute gilt in Russland eine einfache Regel: Wer Wodka trinkt, isst auch, und zwar von Anfang an. An den Ufern der Newa hält man sich daran genauso wie überall sonst im Land. Wer ohne Sakuska trinkt, trinkt schneller betrunken und gilt als unbedacht. Wer mit Bedacht isst und in Ruhe zwischen den Trinksprüchen wartet, kann einen langen Abend an einem vollen Tisch verbringen, ohne dass die Runde außer Kontrolle gerät.