
Craze, Gesetz, Comeback
Region & Geschichte
Um 1720 roch London an manchen Ecken mehr nach Wacholder als nach Kohle. Gin war billig, stark und überall zu haben – aus Kellern, Karren und offenen Fenstern. Innerhalb weniger Jahrzehnte trank sich die Stadt in einen Rausch, den man später den Gin Craze nannte.
Das Parlament reagierte mit dem Gin Act von 1736. Wer Gin verkaufen wollte, brauchte eine Lizenz für fünfzig Pfund im Jahr, dazu kam eine Steuer von einem Pfund je Gallone. Die Regel traf die Falschen: In den folgenden sieben Jahren wurden nur zwei Lizenzen ausgestellt, während der Schwarzmarkt blühte und gepanschter Fusel Menschen erblinden ließ.
1751 zog ein zweites Gesetz nach, milder in der Gebühr, aber genauer in der Kontrolle: Nur wer eine Schankstube für mindestens zehn Pfund Miete im Jahr betrieb, durfte verkaufen. Zusammen mit steigenden Getreidepreisen brach der Konsum bis 1757 tatsächlich ein. Über hundert Jahre später kehrte der Glanz zurück, diesmal mit Gaslicht und Spiegeln: die viktorianischen Gin-Paläste, in denen selbst arme Viertel für einen Abend glitzerten.
Mitten durch diese Geschichte zieht sich eine einzige Adresse: James Burrough kaufte 1863 in Chelsea eine kleine Brennerei und nannte seinen Gin bald Beefeater. Seit 1958 wird er im Stadtteil Kennington gebrannt, im ehemaligen Gebäude einer Militär-Pickle-Fabrik.
Fast zweihundert Jahre lang durfte in London niemand mehr eine neue kleine Kupferbrennblase aufstellen, weil ein altes Gesetz Mindestgrößen verlangte, die kein kleiner Betrieb stemmen konnte. Erst 2009 kippte das: Sam Galsworthy, Fairfax Hall und Jared Brown erhielten nach zwei Jahren Behördenkampf die erste Lizenz für eine kleine Brennblase seit fast zwei Jahrhunderten. Ihre Anlage tauften sie Prudence.
Heute steht wieder Kupfer in der Stadt: Charles Maxwell brennt seit 1996 bei Thames Distillers, und an der Bride Lane, mitten in der City, destilliert seit 2012 die City of London Distillery. Wacholder ist zurück, diesmal ohne Verbot.