
Palast trifft Bar
Trinkkultur
Wer in London Gin trinkt, trinkt meist einen Gin Tonic. Er ist schlicht und kalt, mit viel Eis in einem großen Ballonglas. So können sich die Aromen entfalten, statt schnell warm zu werden.
Die Wurzeln dieser einfachen Trinkweise liegen tiefer als jede Bar. In den viktorianischen Gin-Palästen des 19. Jahrhunderts standen gasbeleuchtete Säle mit Spiegeln und Mahagonitresen. Dort wurde Gin pur oder mit Wasser verdünnt ausgeschenkt. Oft tranken dort Menschen, die sich sonst wenig Glanz leisten konnten.
Heute sitzt die Trinkkultur eher in kleinen Cocktailbars als in großen Sälen. In Bars nahe der Fleet Street oder in Chiswick, unweit der Sipsmith-Brennerei, gehört der Martini genauso zur Karte wie klassische Sours. Gin gilt dort als Basis, mit der Barkeeper offen experimentieren.
Auch das passende Glas hat sich gewandelt. Früher stand in den Gin-Palästen der schwere Cut-Glass-Tumbler auf dem Tresen. Heute ist in vielen Londoner Bars das schlanke Copa-Glas für Gin Tonic Standard, weil sein weiter Rand Zitrusöle besser zur Nase trägt.
Manche Bars in der Nähe der Themse erinnern bewusst an die alten Paläste. Sie nutzen Messing, dunkles Holz und gedämpftes Licht. Serviert werden dazu aber moderne, klar abgeschmeckte Drinks statt der süßen Mischungen von früher.
Wer London ohne Bar erleben will, findet Gin auch bei kleinen Sommerfesten in Parks, wo Stände mit Gin Tonic aus Bechern statt aus Gläsern ausschenken. Selbst dort bleibt das Grundmuster gleich: viel Eis, wenig Zusatz, damit der Wacholder die Hauptrolle behält.