Gin heute: Ein Weltmarkt mit vielen Gesichtern

Weltmarkt der Gegenwart

Gin heute: Ein Weltmarkt mit vielen Gesichtern

Heute wird Gin nicht mehr nur in London oder Schiedam gebrannt, sondern in Manila, Madrid und im Schwarzwald zugleich. Die Geschichte des Gins ist damit endgültig eine globale Geschichte geworden.

Die Philippinen: Der größte Gin-Markt der Welt

Wer nach dem meistverkauften Gin der Welt fragt, landet fast immer bei Ginebra San Miguel von den Philippinen. Die Marke geht auf eine Destillerie zurück, die bereits 1834 in Manila gegründet wurde. Das war lange bevor an eine Craft-Bewegung überhaupt zu denken war. Die Philippinen sind bis heute der mit Abstand größte Gin-Markt der Welt, gemessen an der verkauften Menge. Gin gilt dort traditionell als preiswertes Alltagsgetränk, nicht als Premiumprodukt.

Dieser philippinische Massenmarkt zeigt eine Seite der Gin-Geschichte, die in europäischen Craft-Erzählungen oft fehlt. Für Millionen Menschen ist Gin kein raffiniertes Botanical-Erlebnis, sondern schlicht die zugänglichste Spirituose im Regal. Beide Welten, die günstige Alltagsflasche und die aufwendig komponierte Craft-Abfüllung, existieren heute nebeneinander unter demselben Namen Gin.

Wie groß der weltweite Gin-Markt inzwischen ist, zeigen Branchenschätzungen für das Jahr 2026. Je nach Berechnungsmethode wird der globale Umsatz mit Gin auf einen zweistelligen Milliardenbetrag in US-Dollar taxiert, mit weiterem Wachstum für die kommenden Jahre. Allein in Großbritannien zählten Branchenverbände zuletzt gut achthundert eingetragene Gin-Brennereien. In den USA gehen Schätzungen von mehreren tausend Craft-Destillerien aus, die neben anderen Spirituosen auch Gin herstellen. Auch die Grenzen zwischen den Kategorien verschwimmen zunehmend. Alkoholfreie Gin-Alternativen, aromatisiert mit denselben Botanicals, bedienen heute eine wachsende Zielgruppe, die auf den Alkohol verzichten, das Ritual des Gin Tonic aber nicht missen möchte.

Spanien und die Kultur des großen Glases

In Spanien entwickelte sich seit den 2000er Jahren eine eigene, sehr sichtbare Gin-Tonic-Kultur, die sich deutlich von der britischen Bar-Tradition unterscheidet. Statt eines schlanken Longdrinkglases servieren spanische Bars den Gin Tonic in einem großen, bauchigen Ballonglas. Reichlich Eis und eine aufwendige Garnitur aus Kräutern und Früchten gehören dazu. Diese Präsentation wurde zum eigenen Ritual. Sie exportierte sich von Spanien aus in viele andere europäische Länder, darunter auch Deutschland, wo sie den Gin-Boom der 2010er Jahre zusätzlich befeuerte.

Auch Deutschland selbst zählt heute zu den auffälligsten Gin-Märkten Europas. Seit der Craft-Welle sind hierzulande hunderte kleine Brennereien entstanden, von Schwarzwald-Marken bis zu Stadtbrennereien in Berlin oder Hamburg. Viele arbeiten mit regionalen Botanicals wie Fichtenspitzen, Holunder oder heimischen Kräutern. Deutschland zeigt damit, wie eine einst rein britisch-niederländische Spirituose zu einem Produkt wurde. Praktisch jedes Land interpretiert sie heute mit eigenen Zutaten neu.

Ein Getränk mit doppelter Geschichte

Gin steht heute gleichzeitig für zwei sehr unterschiedliche Erzählungen. Die eine handelt von Massenmarken, die Millionen Menschen weltweit ein günstiges, verlässliches Getränk liefern, wie auf den Philippinen oder in Teilen Osteuropas. Die andere handelt von kleinen Craft-Brennereien, die mit ungewöhnlichen Botanicals, regionaler Herkunft und aufwendiger Aufmachung um zahlungsbereite Genießer werben. Beide Erzählungen haben denselben Ursprung in der bitteren Wacholdermedizin niederländischer Klöster, auch wenn sie heute kaum noch etwas gemeinsam zu haben scheinen.

Diese doppelte Geschichte erklärt, warum Gin so wandlungsfähig geblieben ist. Er war Arznei, Armutsgetränk und Statussymbol der Gin-Paläste. Er war Bordration der Royal Navy, Werkzeug der Prohibition und Getränk der Großelterngeneration. Schließlich wurde er zum Vorzeigeprodukt einer weltweiten Craft-Bewegung, und aus jeder dieser Phasen hat er ein Stück Charakter mitgenommen. In einem einzigen Ballonglas Gin Tonic steckt deshalb eine lange Handelsgeschichte: Wacholder aus dem Apennin, Koriander aus Osteuropa, Zitrusschalen aus Spanien und Chinin, das einst aus den Anden kam. Kaum eine andere Spirituose verbindet so viele Weltgegenden in einem Rezept.

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