Die Gin-Renaissance: Craft-Gin erobert die Welt

Craft-Welle seit 2009

Die Gin-Renaissance: Craft-Gin erobert die Welt

2009 endete eine fast zweihundertjährige Pause: Erstmals seit 1820 durfte in London wieder eine neue Brennerei mit klassischer Kupferblase entstehen. Von dort aus rollte eine Craft-Gin-Welle über die ganze Welt.

Sipsmith und die neue Brennlizenz

Die Gründer von Sipsmith kämpften jahrelang gegen britische Vorschriften. Diese stellten für kleine Brennereien praktisch unerreichbar hohe Anforderungen an die Mindestgröße einer Brennblase. Erst nach intensivem Lobbyieren gelang es ihnen 2009, die Regeln lockern zu lassen. Sie wurden damit zur ersten unabhängigen Brennerei seit fast zweihundert Jahren, die in Greater London eine eigene Kupferbrennblase in Betrieb nahm. Sie tauften die Anlage Prudence, gebaut von der traditionsreichen deutschen Firma Christian Carl. Von dort an produzierten sie einen klassischen, aber unter eigenem Namen destillierten London Dry Gin.

Der Erfolg von Sipsmith wirkte wie ein Startschuss. Innerhalb weniger Jahre eröffneten in Großbritannien Hunderte neuer kleiner Brennereien, viele davon ausschließlich auf Gin spezialisiert. Das lag auch daran, dass sich Gin im Gegensatz zu Whisky ohne jahrelange Fasslagerung sofort verkaufen lässt. Diese Eigenschaft machte Gin für Gründer besonders attraktiv. Ein neues Rezept konnte binnen Wochen vom Destillat zur verkaufsfertigen Flasche werden, während ein neuer Whisky erst nach Jahren im Fass Ertrag brachte.

Die Zahlen zeigen das Ausmaß der Welle deutlich. Wo Großbritannien um die Jahrtausendwende nur eine Handvoll Gin-Brennereien zählte, entstanden in den Jahren nach Sipsmith laut Branchenverbänden mehrere hundert neue Betriebe im ganzen Land. Ähnliche Bewegungen entstanden fast zeitgleich in anderen Ländern. Kleine Stadtbrennereien entstanden in den Niederlanden und Frankreich, neue Marken in den USA und Australien. Gemeinsam war fast allen diesen Gründungen ein Merkmal: Sie warben mit einer erzählbaren Geschichte hinter der Flasche, einer bestimmten Region oder einem ungewöhnlichen Botanical. Auch etablierte Konzerne reagierten und kauften erfolgreiche Craft-Marken auf, um am Trend teilzuhaben.

Hendrick's und Monkey 47 verändern den Geschmack

Schon zehn Jahre vor Sipsmith hatte die schottische Marke Hendrick's 1999 gezeigt, dass sich mit unkonventionellem Marketing neue Käuferschichten erreichen ließen. Ungewöhnliche Zutaten wie Gurke und Rosenblüten machten den Unterschied. Hendrick's brach bewusst mit dem klassischen, sehr wacholderbetonten London-Dry-Stil. Die Marke bewies, dass Gin auch weich, blumig und überraschend schmecken konnte, ohne seine Herkunft zu verleugnen.

In Deutschland setzte die Marke Monkey 47 aus dem Schwarzwald, gegründet 2009, einen weiteren Impuls für die weltweite Craft-Bewegung. Mit über vierzig Botanicals, darunter Preiselbeeren aus der Region, positionierte sich Monkey 47 als komplexer, hochpreisiger Gin. Die Marke bewies, dass auch außerhalb Großbritanniens ernstzunehmender Gin von internationalem Rang entstehen konnte. Zusammen mit Hunderten weiteren neuen Marken aus aller Welt veränderte diese Craft-Welle, was Kunden von einer Flasche Gin überhaupt erwarteten. Gefragt war nicht mehr Uniformität, sondern eine eigene, oft regionale Handschrift.

Warum Gin sich so schnell erneuern ließ

Der entscheidende Vorteil von Gin gegenüber Whisky oder Rum liegt in der fehlenden Reifezeit. Ein neuer Single Malt darf erst nach Jahren im Eichenfass verkauft werden. Ein neu entwickelter Gin dagegen kann binnen weniger Wochen vom ersten Testbrand zur fertigen Flasche im Regal werden. Diese kurze Entwicklungszeit erlaubte es hunderten Neugründungen, schnell zu experimentieren und Rezepturen anzupassen. Sie konnten auf Kundenfeedback reagieren, ohne jahrelang auf Kapitalrückfluss warten zu müssen.

Gleichzeitig veränderte sich die Bar-Kultur weltweit. Cocktails erlebten seit den 2000er Jahren eine allgemeine Wiederbelebung. Gin profitierte davon doppelt, weil er sowohl klassisch im Martini als auch modern im aufwendig garnierten Gin Tonic funktionierte. Aus einer erstarrten Kategorie war innerhalb weniger Jahre die vielleicht dynamischste Spirituose des Marktes geworden. Ihre Folgen reichen bis in den globalen Gin-Markt von heute.

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