
Martini und Nebel
Trinkkultur
Die Bucht von San Francisco beansprucht für sich, die Heimat des Martini zu sein. Der Weg dahin führt über den Martinez, einen frühen Vorläufer-Cocktail. Eine Legende erzählt von einem Barkeeper namens Julio Richelieu in der Stadt Martinez, nordöstlich von Oakland. 1874 soll er einem Goldgräber mit vollen Taschen einen besonderen Drink gemischt und nach der Stadt benannt haben. Belegt ist diese Geschichte allerdings nicht. In Martinez erinnert bis heute eine Gedenktafel daran. Cocktailhistoriker halten sie eher für Folklore als für Tatsache.
Schriftlich fassbar wird der Martinez erst 1884 in einem Rezeptheft von O. H. Byron. Dort steht er schlicht als „Manhattan mit Gin statt Whiskey“ beschrieben. 1887 taucht er dann auch in Jerry Thomas' einflussreichem Bartender's Guide auf. Klassisch gemischt wird er mit Old Tom Gin, süßem Wermut, Maraschino-Likör und Bitters. Das macht ihn deutlich süßer und schwerer als den Martini, zu dem er sich später wandelte.
In den Bars von San Francisco selbst hat sich daraus keine strenge Zeremonie entwickelt, eher ein beiläufiger Stolz im Umgang mit dem Drink. Viele Cocktailkarten der Stadt führen den Martinez neben dem Martini als eigenständigen Drink. Oft steht dabei eine kurze Anmerkung zur alten Herkunftslegende dabei. Serviert wird er, wie der Martini, gekühlt im stielhaltigen Cocktailglas, ganz ohne Eis, damit er sich beim Trinken nicht verwässert.
Wer lieber unkompliziert unterwegs ist, trinkt in der Region einen einfachen Gin Tonic, gerade an warmen Nachmittagen am Wasser. Oft kommt dabei einer der lokalen Gins wie Junípero oder St. George Spirits' Botanivore zum Einsatz. Serviert wird er ganz einfach im schlichten Longdrinkglas, ohne viel Aufwand, während draussen der kühle Abendnebel langsam über die Bucht zieht.