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Champagner im Krieg: Reims unter Beschuss, Kreidekeller als Zuflucht

Zwei Weltkriege

Champagner im Krieg: Reims unter Beschuss, Kreidekeller als Zuflucht

Beide Weltkriege trafen die Champagne hart. Im Ersten Weltkrieg lag Reims fast vier Jahre nahe der Front, Menschen lebten und lernten in den Kreidekellern. Im Zweiten Weltkrieg verlangte die deutsche Besatzung riesige Mengen Champagner, und die Branche gründete 1941 ihr gemeinsames Comité, das bis heute besteht.

Reims 1914 bis 1918: eine Champagnerstadt an der Front

Im September 1914 erreichte der Krieg die Champagne, und Reims lag danach fast vier Jahre lang nahe der Front. Die Stadt wurde an 1.051 Tagen beschossen. Nach Angaben aus der Stadtgeschichte starben dabei etwa 800 Einwohner, von 13.806 Gebäuden wurden 8.625 vollständig zerstört. Auch die Kathedrale, in der die französischen Könige gekrönt worden waren, wurde schwer getroffen.

Die Einwohnerzahl sank drastisch. Anfang 1914 lebten rund 115.000 Menschen in Reims, Ende des Jahres noch etwa 60.000. Nach der Räumung im Februar 1918 blieben nur etwa 1.500. Trotzdem wurde in der Champagne weiter gelesen und gekeltert, oft unter Beschuss und mit Frauen, Kindern und Alten in den Weinbergen, weil die Männer an der Front standen. Deutsche Häuser wie Mumm wurden bei Kriegsbeginn beschlagnahmt.

Leben in den Kreidekellern von Reims

Was den Champagner schützt, schützte nun die Menschen. Unter Reims liegen kilometerlange Gänge und Gruben im Kreidefels, die Crayères, in denen sonst Millionen Flaschen reifen. Sie sind kühl, stabil und tief genug, um Granaten standzuhalten. Viele Familien zogen in diese Keller. Es gab dort ein Lazarett, Gottesdienste und sogar Geburten.

Auch der Unterricht ging unter der Erde weiter. Im Dezember 1915 lernten von 1.600 Schulkindern der Stadt 400 in Kellerschulen, manche davon weniger als anderthalb Kilometer von den deutschen Linien entfernt. Die Champagnerhäuser arbeiteten in denselben Gängen weiter, so gut es ging. Wer heute einen Keller in Reims besichtigt, geht oft durch Gänge, die in diesen Jahren Wohnung, Schule und Schutzraum zugleich waren.

Der Weinführer: Champagner unter deutscher Besatzung

Nach der Niederlage Frankreichs im Juni 1940 setzte die deutsche Besatzung in den großen Weinregionen Beauftragte für den Weineinkauf ein, oft Weinführer genannt. In der Champagne war das Otto Klaebisch. Er sollte Champagner für Wehrmacht, Behörden und Staatsführung beschaffen. Die geforderten Mengen waren gewaltig, Berichte nennen bis zu 400.000 Flaschen pro Woche, zu Preisen, die die Besatzer diktierten.

Die Häuser versuchten sich zu wehren, ohne offen Widerstand zu leisten. Berichten zufolge gingen schwächere Weine an die Besatzer, während gute Jahrgänge hinter eilig gemauerten Wänden verschwanden. Wichtiger war ein organisatorischer Schritt. Am 12. April 1941 gründeten Robert-Jean de Vogüé von Moët & Chandon und Maurice Doyard das Comité Interprofessionnel du Vin de Champagne, kurz CIVC. Es war der erste Branchenverband dieser Art im französischen Weinbau.

1941: Wie das Comité Champagne entstand

Das Comité vereinte Winzer und Häuser, die sonst oft gegensätzliche Interessen hatten. Gegenüber der Besatzung sprach die Champagne so mit einer Stimme. De Vogüé wurde ihr wichtigster Vertreter und bezahlte dafür. Im November 1943 nahm ihn die Gestapo fest, er wurde zum Tode verurteilt, das Urteil aber nicht vollstreckt. Er kam in Haft nach Ziegenhain in Hessen und wurde im Mai 1945 befreit.

Das Comité überdauerte den Krieg und ist heute als Comité Champagne der Branchenverband der Region. Es schützt den Namen Champagne weltweit, wirkt an der jährlichen Erntemenge mit und veröffentlicht die Zahlen zum Absatz. Der Schutz des Namens ist älter. Schon 1843 gab es erste gemeinsame Klagen, 1919 ein Gesetz zur Abgrenzung des Gebiets und 1936 die geschützte Ursprungsbezeichnung AOC. Aus der Not der Besatzungszeit entstand die Organisation, die diesen Schutz bis heute durchsetzt.

Kurz unterschieden

Comité Champagne
Branchenverband von Winzern und Häusern, 1941 als CIVC gegründet; schützt den Namen Champagne und wirkt an den Erntemengen mit.
AOC Champagne
Geschützte Ursprungsbezeichnung seit 1936, das Gebiet wurde 1919 per Gesetz abgegrenzt; regelt Herkunft, Rebsorten und Herstellung.
Crayères
Kreidegruben und Keller unter Reims; im Ersten Weltkrieg Zuflucht, Schule und Lazarett, heute Lager für reifenden Champagner.

Dazu im Lexikon

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