Gustofolio
WissensweltManufakturen
ErfassenSammlungGeschmackGenießenTeilen
Roadmap
WissensweltManufakturenErfassenSammlungGeschmackGenießenTeilenBeta-RoadmapKonto erstellen
AnmeldenKonto erstellen
GetränkelexikonLexikonWissensreiseReisenThemenweltenThemenAlle ArtikelArtikelCocktailrezepteCocktails
  1. Alle Reisen
  2. ›
  3. Schaumwein-Reise
  4. ›
  5. Geschichte des Schaumweins
  6. ›
  7. Kapitel 5 von 10
Champagner und Russland: Zaren, Cristal und der süße Geschmack

Der Zarenmarkt

Champagner und Russland: Zaren, Cristal und der süße Geschmack

Russland war im 19. Jahrhundert einer der wichtigsten Märkte für Champagner. Veuve Clicquot schickte 1814 eine Lieferung nach Königsberg, Louis Roederer schuf 1876 für Zar Alexander II. den Cristal. Der Zarenhof trank sehr süß. Mit der Revolution 1917 brach dieser Markt weg, und der trockene Stil setzte sich durch.

1814: Die Lieferung der Witwe Clicquot nach Königsberg

Während der Napoleonischen Kriege war der Handel über weite Strecken blockiert. Als Napoleon im Frühjahr 1814 abdanken musste, öffneten sich die Wege wieder. Barbe-Nicole Clicquot nutzte den Moment schneller als ihre Konkurrenz. Ihr Haus charterte ein niederländisches Frachtschiff, die Zes Gebroeders, das am 6. Juni 1814 von Le Havre nach Königsberg auslief. An Bord lagen 10.550 Flaschen, bestimmt für den russischen Markt.

Darunter war Wein aus dem Jahrgang 1811, der als Kometenjahrgang bekannt wurde, weil in jenem Jahr ein großer Komet am Himmel stand. Den Verkauf vor Ort organisierte der Handelsvertreter Louis Bohne. Nach den Berichten war die Ware rasch vergriffen, und Veuve Clicquot wurde am Zarenhof zu einer der gefragtesten Marken. Die Episode wird oft ausgeschmückt. Gesichert ist vor allem, dass das Haus früh und mit großem Risiko auf Russland setzte und damit Erfolg hatte.

Wie süß war Champagner im Zarenreich?

Der Champagner des 19. Jahrhunderts schmeckte anders als heute. Fast alle Weine bekamen nach dem Degorgieren eine kräftige Dosage, also eine Mischung aus Wein und Zucker, die den Geschmack bestimmt. Für den russischen Markt fiel sie besonders üppig aus. In der Weingeschichte steht dafür der Ausdruck goût russe, russischer Geschmack. Gemeint ist ein Champagner, der nach heutigen Maßstäben eher an einen Dessertwein erinnert.

Genaue Zuckerwerte aus jener Zeit sind kaum belastbar überliefert, deshalb hilft ein Vergleich mit dem heutigen Recht. Die süßeste Stufe für Schaumwein heißt mild oder doux und beginnt bei über 50 Gramm Zucker je Liter. Ein Brut liegt unter 12 Gramm. Der Zarenchampagner gehörte klar ans süße Ende dieser Skala. Wer heute einen Doux oder Demi-Sec ins Glas bekommt, erhält eine Ahnung davon, wie Champagner damals gemeint war.

Cristal 1876: Champagner für Zar Alexander II.

Louis Roederer, das Haus aus Reims, lieferte schon früh große Mengen nach Russland, laut Firmengeschichte zeitweise ein Drittel seiner Produktion. 1876 entstand für den Hof von Zar Alexander II. eine eigene Cuvée, der Cristal. Er gilt als erste Prestige-Cuvée der Champagne. So nennt man den Spitzenwein eines Hauses, der über dem normalen Sortiment steht und meist nur aus besonderen Jahren kommt.

Berühmt ist die Flasche aus farblosem Bleiglas mit flachem Boden, ohne die übliche Einbuchtung. Erzählt wird, der Zar habe Anschläge gefürchtet und eine durchsichtige Flasche gewollt, in der sich nichts verstecken lässt. Ein sicherer Beleg für diese Erklärung fehlt, sie gehört eher zur Legende der Marke. Sicher ist, dass der frühe Cristal sehr süß war und mit dem heutigen Wein wenig gemeinsam hatte. Frei verkäuflich ist Cristal erst seit 1945.

1917: Das Ende des Zarenmarkts und der Weg zum Brut

Mit der Revolution 1917 brach der russische Markt für die Champagnerhäuser zusammen. Der Hof und der Adel als Kundschaft verschwanden, und die süßen Spezialabfüllungen hatten keine Abnehmer mehr. Für Häuser wie Roederer, die stark auf Russland gesetzt hatten, war das ein schwerer Einschnitt. Der Cristal überlebte als Marke, wurde aber nach und nach zu einem trockenen Champagner umgebaut.

Den Ton gab nun ein anderer Markt an. England hatte schon im 19. Jahrhundert trockenere Weine verlangt, und Häuser wie Pommery hatten darauf reagiert. Im 20. Jahrhundert wurde Brut zum Standard, heute ist es die mit Abstand häufigste Süßeangabe auf Champagner. Der süße Champagner verschwand nicht ganz, er wurde zur Nische für Desserts. Die Angaben Demi-Sec und Doux auf heutigen Etiketten sind die Erben des Zarengeschmacks.

Kurz unterschieden

Brut
Heute der Standard: unter 12 g/l Zucker; setzte sich ab dem späten 19. Jahrhundert über den englischen Markt durch.
Doux / mild
Süßeste Stufe für Schaumwein, über 50 g/l Zucker; am nächsten am süßen Stil, den der Zarenhof im 19. Jahrhundert verlangte.
Prestige-Cuvée
Spitzenwein eines Hauses über dem Standardsortiment; als erste gilt Cristal von Louis Roederer, 1876 für den Zarenhof geschaffen.

Dazu im Lexikon

Brut und Extra Dry erklärtTrocken, halbtrocken, mild: die SüßestufenWas die Dosage bewirktChampagner im Lexikon
ZurückKrug, Bollinger, Heidsieck, Mumm: Deutsche in der ChampagneWeiterWoher kommt das Wort Sekt? Sherry, Shakespeare und eine Legende

Bilder mit KI erstellt · Texte KI-gestützt, redaktionell geprüft