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Ist Sekt gesund? Was Studien wirklich sagen

Studien und Polyphenole

Ist Sekt gesund? Was Studien wirklich sagen

Nein, Sekt ist kein Gesundheitsgetränk: Laut WHO Europa und Deutscher Gesellschaft für Ernährung gibt es keine Alkoholmenge ohne Risiko. Die viel zitierten Champagner-Studien aus Reading waren klein oder an Ratten gemacht und taugen nicht als Trinkempfehlung.

Woher kommt der Ruf, Champagner sei gesund?

Ein paar Gläser Schaumwein pro Woche sollen gut für Herz und Gedächtnis sein: Solche Schlagzeilen tauchen regelmäßig auf, vor allem rund um Silvester. Sie gehen meist auf Arbeiten der Universität Reading in England zurück. Dort untersuchte eine Gruppe um den Ernährungswissenschaftler Jeremy Spencer, was die Polyphenole im Champagner bewirken. Gemeint sind Pflanzenstoffe aus Traubenschalen und Kernen, denen im Labor antioxidative, also zellschützende, Eigenschaften zugeschrieben werden.

2009 berichtete die Gruppe, dass Champagner bei gesunden Freiwilligen kurzfristig die Funktion der Blutgefäße verbesserte, ähnlich wie es zuvor für Polyphenole aus Rotwein und Kakao beschrieben worden war. 2013 folgte eine Arbeit unter der Leitung von Giulia Corona. Ältere Ratten bekamen sechs Wochen lang täglich eine kleine, an ihr Körpergewicht angepasste Menge Champagner und schnitten danach in einem Gedächtnistest besser ab: im Mittel rund 70 statt 50 Prozent richtige Entscheidungen.

Was zeigen die Champagner-Studien wirklich?

Bei näherem Hinsehen bleibt wenig, was sich auf den Alltag übertragen ließe. Die Gefäßstudie war klein und hat nur kurzfristige Wirkungen nach einer einzigen Trinkportion gemessen. Ob daraus über Jahre ein Nutzen für Herz und Kreislauf folgt, lässt sie offen. Die Gedächtnisstudie wurde an Ratten gemacht. Ergebnisse aus Tierversuchen lassen sich nicht einfach auf Menschen übertragen, schon gar nicht als Mengenangabe für Gläser pro Woche.

Wissenschaftlich interessant war vor allem ein Detail. Kleine phenolische Verbindungen wie Gallussäure, Tyrosol und Kaffeesäure galten lange als biologisch wenig aktiv und zeigten in den Versuchen doch messbare Wirkungen. Das ist ein Befund für die Grundlagenforschung. Eine Empfehlung, Champagner zur Vorbeugung gegen Demenz oder Herzkrankheiten zu trinken, lässt sich daraus nicht ableiten. Die Schlagzeilen über drei Gläser pro Woche haben die Ergebnisse deutlich überdehnt.

Ist ein Glas Sekt am Tag gesund?

Die großen Gesundheitsorganisationen beantworten diese Frage heute klar. Das Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation für Europa erklärte Anfang 2023 in der Fachzeitschrift The Lancet Public Health, dass keine Menge Alkohol als sicher für die Gesundheit gelten kann. Die Internationale Agentur für Krebsforschung stuft Alkohol als krebserregend für den Menschen ein, in der höchsten Gruppe. Das Risiko beginnt nach heutigem Wissen nicht erst beim Rausch.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat im August 2024 mit einem Positionspapier ihren bisherigen Richtwert für die Alkoholzufuhr ersetzt. Ihre Begründung: Es gibt keine risikofreie Menge, schon geringe Mengen können das Risiko für verschiedene Krankheiten erhöhen. Die DGE empfiehlt deshalb, auf alkoholische Getränke zu verzichten. Wer dennoch trinkt, sollte vor allem große Mengen und Rauschtrinken meiden. Kinder, Jugendliche, Schwangere und Stillende sollen gar keinen Alkohol trinken. Für Sekt gilt dabei nichts anderes als für Bier, Wein oder Spirituosen.

Polyphenole ohne Alkohol: Was bleibt vom Gesundheitsversprechen?

Was im Schaumwein an Polyphenolen steckt, stammt aus den Trauben. Heller Schaumwein wird schonend gepresst, die Schalen gären kaum mit, und er enthält deshalb ohnehin weniger dieser Stoffe als Rotwein, der mit den Schalen vergoren wird. Wer sich für Pflanzenstoffe aus Trauben interessiert, findet sie auch in den Trauben selbst und in vielen anderen Obst- und Gemüsesorten, ganz ohne Alkohol.

Das EU-Recht zieht hier eine klare Linie. Nach der Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben dürfen Getränke mit mehr als 1,2 % vol Alkohol keine gesundheitsbezogenen Angaben tragen. Ein Hersteller darf also nicht werben, sein Sekt sei gut fürs Herz. Schaumwein ist ein Genussmittel und kein Heilmittel. Wer ihn trinkt, hält die Menge am besten klein; wer ganz verzichten möchte, findet bei alkoholfreien Schaumweinen inzwischen eine große Auswahl.

Kurz unterschieden

Champagner
Lieferte die Proben für die Reading-Studien; deren Befunde stammen aus kleinen Versuchen und von Ratten.
Rotwein
Gärt mit den Schalen und enthält deshalb mehr Polyphenole als heller Schaumwein, bleibt aber genauso alkoholisch.
Alkoholfreier Sekt
Bietet Perlage fast ohne Alkohol; ein Gesundheitsversprechen ist damit trotzdem nicht verbunden.

Dazu im Lexikon

Alkoholfreier Sekt: wie er entstehtChampagner: Herkunft und RegelnWein zum Essen
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