
Kühle wird knapp
Klimawandel und Schaumwein: Warum England und Tasmanien aufholen
Schaumwein braucht Trauben mit viel Säure und wenig Zucker, und die wachsen am besten, wo es kühl ist. Weil es in der Champagne wärmer wird, rückt die Lese nach vorn. England, Tasmanien und andere kühle Gegenden ernten dagegen heute reif genug für hochwertigen Schaumwein.
Warum braucht Schaumwein ein kühles Klima?
Ein guter Grundwein für Schaumwein wäre als Stillwein oft zu sauer. Er soll viel Säure haben, wenig Alkohol und ein zurückhaltendes Aroma. Die Säure trägt den Schaumwein über Jahre auf der Hefe, der niedrige Alkohol lässt Raum für die zweite Gärung. Die Fülldosage, die diese Gärung in Gang setzt, darf den Alkohol laut EU-Recht um höchstens 1,5 Volumenprozent erhöhen. Ein schwerer Grundwein würde also einen schweren Schaumwein ergeben.
Solche Trauben wachsen dort, wo Sonne und Wärme gerade so reichen. In warmen Gegenden steigt der Zucker in der Beere schneller, als sich die Aromen entwickeln, und die Säure baut sich ab. Man kann dort früher lesen, verliert aber an Geschmackstiefe. In kühlen Gegenden reifen die Trauben langsam, Säure, Aroma und Zucker bleiben im Gleichgewicht. Deshalb liegt die Champagne am nördlichen Rand des Weinbaus, und deshalb lesen Sektwinzer in Deutschland ihre Trauben meist früher als für Stillwein.
Was verändert der Klimawandel in der Champagne?
In der Champagne lässt sich die Erwärmung am Kalender ablesen. Nach Angaben des Comité Champagne, des Branchenverbands der Region, blühen die Reben seit den 1990er-Jahren rund zwei Wochen früher, und die Lese verschiebt sich entsprechend nach vorn. Lesebeginn im August, früher eine Ausnahme, kam in den letzten Jahrzehnten mehrfach vor. Zugleich steigt der natürliche Alkohol der Trauben, und die Säure sinkt.
Bisher hat die Region davon eher profitiert, weil reife Jahrgänge häufiger geworden sind. Die Erzeuger bereiten sich trotzdem auf heißere Jahrzehnte vor. Erprobt werden etwa später reifende Klone, eine Laubarbeit, die den Trauben mehr Schatten lässt, und größere Vorräte an Reserveweinen aus kühleren Jahren. Mit Voltis und den Kandidaten Serelis und Orellis prüft die Appellation zudem neue Sorten. Ziel ist dabei immer dasselbe: Säure und Frische zu halten, auch wenn die Sommer heißer werden.
Englischer Schaumwein: Kreide und Champagnersorten
Der Süden Englands war für Wein lange zu kühl. Seit einigen Jahrzehnten reifen dort Chardonnay, Pinot noir und Meunier zuverlässig genug für Schaumwein. Die Grafschaften Sussex, Kent und Hampshire bieten dazu Kreideböden, geologisch verwandt mit denen der Champagne. Laut dem Branchenbericht von WineGB für 2025 stehen Chardonnay auf 33 und Pinot noir auf 30 Prozent der britischen Rebfläche. 69 Prozent der Produktion sind Schaumwein, davon 91 Prozent aus traditioneller Flaschengärung.
Nyetimber, das heute 425 Hektar in West Sussex, Kent und Hampshire bewirtschaftet, setzte als erster englischer Erzeuger ausschließlich auf die drei Champagnersorten. Inzwischen investieren auch Champagnerhäuser: Taittinger brachte im April 2025 die ersten Flaschen seiner Domaine Evremond in Kent heraus. Seit 2022 ist Sussex eine geschützte Ursprungsbezeichnung. Englischer Schaumwein hat meist eine auffallend hohe Säure, die Erzeuger oft mit längerem Hefelager und sorgfältig abgestimmter Dosage ausbalancieren.
Tasmanien und andere kühle Schaumweingebiete
Auf der Südhalbkugel übernimmt Tasmanien eine ähnliche Aufgabe. Die Insel südlich des australischen Festlands hat ein kühles, vom Meer geprägtes Klima, wie es auf dem heißen Kontinent selten ist. Chardonnay und Pinot noir reifen dort langsam und behalten ihre Säure. Australische Kellereien beziehen deshalb seit Jahrzehnten Trauben oder Grundweine von der Insel für ihre flaschenvergorenen Schaumweine.
Aus ähnlichen Gründen gelten Berglagen wie im Trentino als gut gerüstet, und Winzer pflanzen Schaumweinsorten in Gegenden, die früher als zu kalt galten. Gewinner und Verlierer stehen damit noch nicht fest. Die Champagne hat Kreide, Erfahrung und Reserveweine, die jüngeren Gebiete haben kühleres Wetter. Für die Rebsorten bedeutet das: Chardonnay, Pinot noir und Meunier bleiben vorerst die wichtigsten Schaumweintrauben, aber sie wandern dorthin, wo ihre Säure erhalten bleibt.