
Farmen und Gesetz
Region & Geschichte
Ein Kind der Familie Rubidge brachte in den 1830er oder 1840er Jahren drei kleine Agaven-Ableger von der Wildküste im Ostkap zur Farm Bloemhof. Ziegen und Schafe hatten die stacheligen Blätter während einer Dürre gefressen, das war der Anlass für die Reise. Aus der zufälligen Beobachtung wurde eine Farmtradition, denn Agave americana widerstand der Trockenheit, wo Gras längst verdorrt war.
In der Großen Karoo pflanzten die Familien Rubidge, Southey und Murray die Agave bald in großem Stil, als in den 1860er-Jahren der Straußenboom begann. Die Blätter dienten den gefiederten Riesen als Winterfutter, die Pflanzen selbst wuchsen zu lebenden Hecken gegen Wind und Vieh heran. Als der Straußenmarkt 1914 zusammenbrach, blieben ganze Landstriche mit ausgewachsenen Agavenfeldern zurück, für die es plötzlich keine Verwendung mehr gab.
Aus den Blättern gewann man später Sirup, ehe die Idee eines Agavenbrands aufkam. 1997 gründete Harvey Venter mit 15 Millionen Rand Risikokapital die „Tequila and Mezcal Distillers Ltd“. Im Jahr 2000 übernahm Keith McLachlan die Fabrik und taufte sie in Agave Distillers um. 2006 verlor er die Kontrolle an Jan Terblanche, 2008 wurde die Firma nach dessen Tod liquidiert. Die erste Welle scheiterte, bevor sie richtig in Schwung kam.
Seit den 2010er-Jahren wagen kleinere Betriebe einen zweiten Anlauf. Tim Murray destilliert auf der Farm Roode Bloem bei Graaff-Reinet seinen „Three Agaves“, Leigh Lisk und Lucy Beard bauen seit 2016 mit Esperanza Agave die Hope Distillery auf, und Sarah Kennan gründete 2017 Leonista. Jonathan Roche folgte mit Rocco Torro, ebenfalls in Graaff-Reinet, dem die Region heute ihren Ruf als Zentrum südafrikanischer Agavenbrenner verdankt.
Einen Herkunftsschutz wie Tequila oder Mezcal kennt Südafrika nicht. Stattdessen regelt das Liquor Products Act von 1989 die Kategorie „Agave Spirit“ mit eigenen Vorgaben, etwa einem Mindestalkoholgehalt von 35 % vol. Tequila oder Mezcal darf hier niemand auf das Etikett schreiben, weil beide Namen international geschützt sind, unter anderem über das Abkommen zwischen der EU und Mexiko. Wer in der Karoo brennt, nennt sein Getränk deshalb offen beim eigenen Namen.