Fledermäuse und Bestäubung

Bestäubung statt Klone

Fledermäuse und Bestäubung

Kaum eine angebaute Agave darf blühen, weil Blüte Zucker kostet, den Brenner brauchen. Das trifft ausgerechnet Fledermäuse, die als wichtigste Bestäuber nachtblühender Agaven auf genau diese Blüten angewiesen sind.

Eine Blüte, die fast niemand sieht

Auf einem kommerziellen Feld erreicht kaum eine Agave je die Blüte. Sobald der Quiote sich zeigt, wird er, wie die vorherige Station beschrieben hat, meist gekappt, um den Zuckergehalt der Piña zu erhalten. Wirtschaftlich ist das folgerichtig, ökologisch aber ein Problem, das lange kaum jemand beachtet hat.

Über Jahrzehnte hinweg haben große Anbaugebiete so praktisch aufgehört, ihren natürlichen Fortpflanzungszyklus zu durchlaufen. Vermehrt wird fast ausschließlich über Ableger, wie schon im Kapitel über die Blaue Agave beschrieben. Das funktioniert für die Landwirtschaft, unterbricht aber eine sehr alte Beziehung zwischen Pflanze und Tier.

Fledermäuse als Bestäuber

Nachtblühende Agaven öffnen ihre Blüten meist erst in der Dämmerung und produzieren reichlich Nektar, genau abgestimmt auf einen bestimmten Besucher: die Langnasenfledermaus, botanisch Leptonycteris yerbabuenae. Sie fliegt weite Strecken zwischen Mexiko und dem Südwesten der USA, immer entlang blühender Agaven und Kakteen, die ihr auf der Reise Nahrung liefern.

Beim Trinken des Nektars streift die Fledermaus Pollen ab und trägt ihn zur nächsten Blüte, oft kilometerweit entfernt. So entsteht genetische Durchmischung zwischen weit auseinanderliegenden Pflanzen, etwas, das reine Klon-Vermehrung über Ableger niemals leisten kann. Ohne blühende Agaven verliert die Fledermaus auf ihrer Reise wichtige Tankstellen.

Was verloren geht, wenn niemand blüht

Fehlt der Nektar über weite Strecken, wird die Wanderung für die Fledermäuse schwieriger, mit Folgen für ihre Bestände. Gleichzeitig verlieren die Agaven selbst etwas: Ohne Bestäubung entstehen keine Samen, und ohne Samen bleibt die genetische Vielfalt einer Art auf das beschränkt, was bereits an Ablegern im Umlauf ist.

Das verstärkt genau das Problem, das schon im Kapitel über die Blaue Agave beschrieben wurde: Eine Art aus lauter Klonen ist anfälliger für Krankheiten und Schädlinge, weil ihr die Bandbreite fehlt, die nur samenbasierte Vermehrung mitbringt. Blüte und genetische Gesundheit hängen damit enger zusammen, als es auf den ersten Blick scheint.

Das Bat-Friendly-Siegel

Seit 2016 zertifiziert die Initiative „Bat Friendly", getragen unter anderem von der mexikanischen Universität UNAM, Tequila- und Mezcal-Erzeuger, die einen Teil ihrer Agaven bewusst blühen lassen, statt jeden Quiote zu kappen. Üblich ist eine Quote von mindestens fünf Prozent der Pflanzen pro Betrieb.

Für die Erzeuger bedeutet das einen kleinen wirtschaftlichen Verzicht, weil blühende Pflanzen keinen Alkohol mehr liefern. Im Gegenzug tragen sie zum Erhalt der Fledermauspopulationen bei und lassen wieder Samen entstehen, aus denen genetisch vielfältigere Agaven wachsen können als aus reiner Klonvermehrung.

Andere Bestäuber der Nacht

Neben der Langnasenfledermaus besuchen auch Nachtfalter und gelegentlich Kolibris blühende Agaven. Ihre Wirkung auf die Bestäubung bleibt aber gering. Die Blüten sind ohnehin auf Fledermäuse zugeschnitten. Sie öffnen sich erst in der Nacht, riechen eher muffig als süß und tragen ihren Nektar tief in langen, trichterförmigen Blüten. Genau das passt zur langen Zunge der Fledermaus, mit der sie tief in die Blüte greifen kann, ohne die Staubgefäße zu berühren.

Deshalb trifft der Verlust blühender Agaven die Fledermaus besonders hart. Andere Besucher profitieren eher zufällig von den seltenen Blüten. Forscher beobachten seit Jahren, wie sich Wanderrouten der Langnasenfledermaus mit den wenigen verbliebenen Blühgebieten decken, von Südmexiko bis in den Südwesten der USA. Fehlt an einem Punkt der Route eine ausreichende Zahl blühender Pflanzen, wird die gesamte Wanderung riskanter. Ein einzelner fehlender Halt kann für die ganze Strecke schon entscheidend sein.

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