
Zwei Verwandte
Cocuy und Miske: die Verwandten in Südamerika
Auch außerhalb Mexikos schützen Staaten ihre Agavenbrände per Gesetz. Venezuela schützt den Cocuy Pecayero, Ecuador den Miske – zwei eigenständige Traditionen, die mit Tequila und Mezcal nur die Pflanzenwelt teilen.
Cocuy Pecayero: Venezuelas geschützte Agave
Der Cocuy Pecayero entsteht aus Agave cocui. Er ist auf die Parroquia Pecaya im Bundesstaat Falcón begrenzt. Seit Mai 2001 schützt ihn die venezolanische Norm COVENIN 3662:2001. Überwacht wird das vom nationalen Amt für geistiges Eigentum, SAPI.
Die Herstellung bleibt bis heute sehr handwerklich. Die Piñas, die gekochten Agavenherzen, werden zuvor geröstet. Danach zerstößt man sie von Hand mit einer Holzkeule. Die Maische gärt in Holzbottichen. Gebrannt wird in handgefertigten Alambiques, selbstgebauten Brennblasen.
Die Norm kennt zwei Typen. Tipo I ist reiner Cocuy ohne Zusatz. Tipo II darf bis zu 20 Prozent fremden Zucker enthalten. Anders als bei Mezcal ist eine solche Mischung hier also ausdrücklich erlaubt.
Miske: Ecuadors jüngste Ursprungsbezeichnung
Miske wächst hoch in den Anden Ecuadors, zwischen 1.800 und 3.000 Metern über dem Meer. Die Arten dafür heißen Agave americana und Agave cordillerensis. Am 6. Oktober 2022 wurde Miske zur siebten ecuadorianischen Ursprungsbezeichnung erklärt. Geschützt wird er vom nationalen Amt für geistiges Eigentum, SENADI.
Der entscheidende Unterschied zu Tequila, Mezcal und Cocuy liegt im ersten Schritt. Miske wird nicht aus gekochten Piñas gebrannt. Stattdessen nutzt man den rohen Saft der reifen Agave, den sogenannten Tzawarmishky. Weil die Pflanze nicht gekocht werden muss, entfällt bei Miske die ganze Ofen- oder Erdgrubenphase. Genau diese Phase entscheidet bei den mexikanischen Bränden über Rauch- und Röstaromen.
Was die drei trotzdem verbindet
Cocuy, Miske und die mexikanische Familie stammen alle von Agaven ab. Alle tragen einen staatlich geschützten Namen. Diesen Namen darf nur ein bestimmtes Gebiet mit einer bestimmten Art tragen. Keiner der drei Namen darf außerhalb seines Landes für ein anderes Getränk verwendet werden. Genauso wenig dürfen Tequila und Mezcal es außerhalb Mexikos.
Der Unterschied liegt im Detail. Cocuy erlaubt unter Auflagen sogar fremden Zucker. Miske verzichtet komplett auf das Kochen. Beide zusammen zeigen, dass Agave längst keine rein mexikanische Geschichte mehr ist.
Wenn der Name weiter reicht als der Schutz
Der Begriff Cocuy wird in Venezuela und im benachbarten Kolumbien deutlich weiter gefasst, als es die Ursprungsbezeichnung erlaubt. In der Guajira-Region etwa stellt das Volk der Wayúu einen eigenen traditionellen Agavenbrand her, der ebenfalls Cocuy heißt, aber außerhalb der geschützten Parroquia Pecaya liegt. Nur der Cocuy Pecayero aus Falcón darf sich auf die venezolanische Norm COVENIN 3662:2001 berufen, alle anderen tragen den Namen ohne diesen rechtlichen Schutz.
Miske wächst vor allem in der südecuadorianischen Provinz Loja, nahe der Grenze zu Peru, wo ländliche Gemeinden die Agave seit Generationen nutzen. Der rohe Saft, aus dem Miske entsteht, ähnelt im Prinzip dem Aguamiel, das anderswo zu Pulque vergoren wird, nur wird er bei Miske zusätzlich destilliert.
Beide Traditionen bleiben bislang klein. Ecuadors gesamte Miske-Produktion verteilt sich auf wenige, meist familiengeführte Betriebe, ähnlich wie beim Cocuy Pecayero in Falcón. Beide Länder hoffen, dass der offizielle Schutz Auslandsmärkte leichter zugänglich macht, ohne die alten Verfahren zu verändern.
Wie bei Sotol und Bacanora entscheidet auch hier nicht der Geschmack, sondern das Gesetz, wer welchen Namen tragen darf. Ein Agavenbrand aus Kolumbien oder aus einer anderen Provinz Ecuadors mag ähnlich schmecken, darf sich aber nicht Cocuy Pecayero oder Miske nennen.
Zwei junge Namen mit Zukunft
Sowohl Cocuy als auch Miske sind vergleichsweise junge Ursprungsbezeichnungen. Miske gibt es offiziell erst seit 2022. Beide Länder setzen große Hoffnungen in den internationalen Export dieser Nischenprodukte.
Für Reisende bedeutet das: Wer Cocuy oder Miske probiert, lernt eine noch wenig bekannte Seite derselben Pflanzenfamilie kennen, die in Mexiko schon Weltruhm erreicht hat.