Region & Geschichte in der Region Patagonien

Kanäle & Kolonisten

Region & Geschichte

Bevor hier Reben standen, war das Tal am neununddreißigsten Breitengrad vor allem trocken. Steppe, Dornbusch, Wind. Mittendrin liegt der Río Negro, der sein Wasser aus den Anden bis zum Atlantik trägt, ohne dass die Ebene ringsum viel davon abbekommt. Das änderte sich erst, nachdem General Julio A. Roca in den sogenannten Wüstenfeldzügen ab 1879 die dort lebenden Völker vertrieb, und das Land sich für Eisenbahn und Kolonisten öffnete.

Wasser aus dem Fluss zu holen, wurde zur eigentlichen Ingenieursaufgabe der Region. Der italienische Ingenieur César Cipolletti vermaß im Auftrag der Regierung die Flüsse Limay, Neuquén und Negro auf ihr Bewässerungspotenzial. Die britische Eisenbahngesellschaft Ferrocarril del Sud baute daraufhin den Großen Kanal. Bezahlen musste sie dafür nicht: Sie stellte nur das Material in Rechnung, vieles davon aus England importiert, und sicherte sich damit künftige Frachtgeschäfte. Ihre Tochtergesellschaft, die Compañía de Tierras del Sud, parzellierte das frisch bewässerte Land. Verkauft wurde es ab 1913, an Siedler aus Spanien, Italien und England.

Mitten in diesen Aufbruch fiel die Gründung von Humberto Canale. Der Ingenieur, der zuvor im Staatsdienst gearbeitet hatte, kaufte 1909 sechshundert Hektar bei General Roca und ließ Reben aus Bordeaux kommen: Cabernet Sauvignon, Merlot, Sémillon, Sauvignon Blanc. Die Bodega besteht bis heute, in der fünften Generation derselben Familie, und ist die älteste und zugleich größte des Alto Valle. Trotzdem blieb Wein lange ein Nebenprodukt. Reich machten das Tal Birnen und Äpfel — bis heute liefert allein der Alto Valle den größten Teil der argentinischen Obsternte.

Der zweite Aufbruch kam neunzig Jahre später, diesmal von Anfang an um Wein. 1999 begann die Bodega del Fin del Mundo in San Patricio del Chañar, einem staubigen Landstrich in der Provinz Neuquén, gezielt Weinberge anzulegen. Gründer Julio Viola vermutete unter der kargen Erde ein Potenzial, das vor ihm niemand ernst genommen hatte. Die ersten Trauben wurden 2002 geerntet, die Bodega 2003 eröffnet. Heute umgeben ihre Reben mit rund achthundert Hektar das Gebäude wie ein grüner Ring in der Wüste. Im selben Jahr begann in Mainqué, am anderen Ende des Tals, Hans Vinding-Diers eine Malbec-Parzelle von 1932 neu zu denken. Die Stöcke sind wurzelecht, nie gepfropft, weil die Reblaus sandige Böden meidet.

Zum Schluss noch ein Streit, der zeigt, wie jung diese Geschichte als geschützter Name ist. Die Indikation Patagonia wurde 2002 anerkannt. Doch ein Privatmann ließ sich den Namen als Marke eintragen und verklagte Weingüter, darunter ausgerechnet Humberto Canale. Ein Gericht erklärte die Eintragung 2014 für nichtig, praktisch nutzbar wurde der Name trotzdem erst 2022, als das nationale Weininstitut INV das Recht der Winzer per Beschluss endgültig bestätigte. Zwölf Jahre lang durfte eine ganze Region ihren eigenen Namen kaum aufs Etikett schreiben.

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