
Limette bis Petrol
Verkosten
Im Glas zeigt ein junger Riesling aus Clare Valley meist ein blasses Grüngelb, kaum dunkler als Wasser mit einem Hauch Zitrone, und in der Nase kommt zuerst Limette, dann grüner Apfel, manchmal eine Spur Jasmin. Am Gaumen wirkt er schlank und geradezu schneidend. Die Säure liegt so hoch, dass ungeübte Verkoster den Wein oft für unreif halten, obwohl er längst fertig ist.
Ein Wein aus Watervale schmeckt dabei spürbar anders als einer aus Polish Hill. Watervale bringt reifere Frucht, oft mit einer Note von Honig oder sogar tropischer Frucht, und wirkt schon in den ersten Jahren zugänglich. Polish Hill dagegen ist enger gebaut, mit einer fast salzigen Mineralität und einer Säure, die noch nach zehn Jahren spürbar bleibt.
Mit dem Alter passiert etwas, das viele Anfänger verwirrt. Nach fünf, acht, manchmal fünfzehn Jahren entwickelt der Wein einen Duft nach Kerosin oder heißem Asphalt, Petrolton genannt, und dahinter steckt ein Aromastoff namens TDN, der sich aus Vorstufen in der Traube langsam bildet. Für Kenner ist das ein Reifezeichen, kein Fehler. Der erste Eindruck irritiert trotzdem manchmal.
Bei den roten Weinen des Tals verkostet man völlig anders. Ein Armagh-Shiraz oder ein Wendouree-Cabernet zeigt dunkle Beerenfrucht, oft mit einer minzig-eukalyptusartigen Note, die von den Eukalyptusbäumen rund um viele Weinberge stammt, ein Duft, der in vielen australischen Rotweinen wiederkehrt. Das Tannin ist fest, manchmal fast staubig, und verlangt nach Jahren im Keller, bevor es sich rundet.
Wer beide Seiten des Tals in einer Verkostung nebeneinanderstellt, versteht sofort etwas Wichtiges. Clare Valley passt schwer in eine einzige Schublade. Ein Riesling, der nach Limette und später nach Petrol schmeckt. Ein Shiraz, der nach schwarzer Frucht und Eukalyptus riecht. Beides stammt aus demselben schmalen Streifen Land.