
Weiter Bordeaux-Kelch
Gläser
Ein Wein mit so viel Tannin wie ein Cabernet Sauvignon aus dem Aconcagua-Tal braucht Platz, um sich zu öffnen, und genau das liefert der klassische Bordeaux-Kelch: ein hoher, bauchiger Körper und eine Öffnung, die sich nach oben leicht verengt. Der große Bauch bringt viel Sauerstoff an den Wein. Die enge Öffnung hält den Duft trotzdem beisammen, statt ihn sofort zu verstreuen.
Kälte schützt die Frucht. Bei der Temperatur wird bei kräftigen Rotweinen fast immer derselbe Fehler gemacht: zu warm servieren. Sechzehn bis achtzehn Grad sind richtig für einen jungen Cabernet aus Panquehue, für einen gereiften Don Maximiano eher die untere Grenze. Über zwanzig Grad tritt der Alkohol in den Vordergrund und überdeckt die feine Frucht, die Errázuriz mit Jahrzehnten Erfahrung in die Flasche gebracht hat. Zehn Minuten im Kühlschrank reichen meist, um das zu korrigieren.
Ein Wein wie Seña braucht fast immer eine Karaffe. Der Bodensatz ist dabei nur einer von zwei Gründen. Diese Weine reifen in kleinen Eichenfässern und werden jung noch von festem Tannin zusammengehalten wie von einem Korsett. Eine Stunde Luft löst diesen Griff, holt Frucht und Würze nach vorn und macht aus einem verschlossenen Wein einen, der überhaupt erst erzählt, was in ihm steckt. Wer keine Karaffe besitzt, schwenkt eben öfter und wartet länger, bevor er den ersten Schluck nimmt.
Wie viel ins Glas kommt, entscheidet am Ende über den Genuss. Bei einem Bordeaux-Kelch sind das gut hundertfünfzig Milliliter, bis zur breitesten Stelle des Bauchs und keinen Tropfen mehr. Darüber bleibt Raum, in dem sich die dichten Aromen von schwarzer Johannisbeere, Zeder und geröstetem Holz erst sammeln können. Erst dann nimmt die Nase sie überhaupt wahr. Ein randvolles Glas verschenkt genau das, wofür man den teuren Kelch überhaupt gekauft hat.