
Nebel schlägt Breitengrad
Klima
Auf der Landkarte liegt Casablanca auf derselben Höhe wie Sizilien. Nach der Formel Breitengrad gleich Klima müsste es hier heiß und trocken sein wie im Mittelmeerraum, wird es aber nicht, und der Grund liegt im Meer, nicht am Himmel. Trotzdem bleibt es hier kühl.
Vor der Küste fließt der Humboldtstrom nach Norden. Dieser kalte Strom aus der Antarktis hält das Wasser vor Valparaíso auf gerade einmal zwölf bis vierzehn Grad, und diese Kälte verdunstet nachts zu jenem dichten Nebel, den man hier camanchaca nennt. Der Nebel braucht einen Weg ins Land. Casablanca liefert genau diesen Weg, denn anders als die meisten chilenischen Täler, die parallel zur Küste liegen und von der Küstenkordillere abgeschirmt werden, öffnet sich dieses Tal quer nach Westen, direkt zum Pazifik hin.
Jede Nacht zieht die camanchaca deshalb bis weit ins Landesinnere. Am Morgen liegt sie dick über den Reben. Erst gegen Mittag reißt die Wolkendecke auf, die Sonne kommt durch, und die Temperatur klettert an einem Sommertag zwischen Januar und April auf bis zu siebenundzwanzig Grad. Nachts fällt sie oft auf vierzehn Grad zurück. Genau dieser Unterschied hält die Säure in den Beeren fest, während der Zucker tagsüber trotzdem langsam weitersteigt.
Im Frühling wird genau dieser Vorteil zur Gefahr. Historisch wurden in Casablanca Fröste bis minus acht Grad gemessen, und ein solcher Frost vernichtete Pablo Morandés allererste Pflanzung 1982 fast vollständig. Die Lese beginnt deshalb spät. Wegen der langsamen, nebligen Reife startet sie oft erst Mitte April, wenn die warmen Täler im Landesinneren längst fertig geerntet haben.