
Chillán bis VIGNO
Region & Geschichte
Bevor es Chile gab, gab es Wein. Spanische Missionare brachten im sechzehnten Jahrhundert die Sorte País ins Tal des Maule, um Messwein für ihre neu gegründeten Gemeinden zu keltern, nicht um damit zu handeln. Fachleute führen die Rebe heute unter dem Namen Listán Prieto, derselben Sorte, die Kalifornien Mission nennt. Gehandelt wurde damit lange nicht. Daraus wurde trotzdem die am längsten ununterbrochen bewirtschaftete Weinlandschaft Südamerikas, ein Streifen Land, der nie aufhörte, Trauben zu tragen.
Am 24. Januar 1939 zerstörte ein Erdbeben der Stärke 8,3 die Stadt Chillán im Norden von Maule. Rund achtundzwanzigtausend Menschen starben an jenem Abend. Bis heute ist das der schwerste Erdstoß in der Geschichte Chiles. Der Weinbau kannte damals fast nur die dünne, säurearme Sorte País, und das Landwirtschaftsministerium verteilte deshalb in den folgenden Jahren Stecklinge von Carignan, einer robusten Rebe aus Südfrankreich, als unbewässerte Buschrebe ohne Gerüst. Aus einer Notlösung wurden die besten Weine der Gegend.
Über siebzig Jahre später traf ein noch größeres Beben dieselbe Küste. Am 27. Februar 2010 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 8,8 mit Epizentrum vor Maule das ganze Land. Die Weinindustrie verlor rund hundertfünfundzwanzig Millionen Liter Wein, fast zehn Prozent der Jahresproduktion, weil in den Kellern ungesicherte Stahltanks aufplatzten, die niemand für ein Erdbeben ausgelegt hatte. Manche Winzer wollten aufgeben. Zwölf Weingüter hatten sich schon vorher zusammengetan, um die alten Carignan-Reben vor der Rodung zu bewahren. Nach dem Beben unterschrieben sie ihre gemeinsamen Regeln und gründeten VIGNO, kurz für Vignadores de Carignan.
Nicht jede Geschichte beginnt mit Zerstörung. 1877 verließ der Winzer Emile Bouchon sein Zuhause in Saint-Émilion und kam nach Chile. Seine Nachkommen ließen sich im Weiler Mingre bei San Javier nieder, mitten im Tal des Loncomilla, wo bis heute Parzellen mit über hundert Jahre alten País-Reben stehen. Niemand ahnte damals, dass aus der Messweinrebe einmal gesuchte Flaschenweine würden.
Heute ist Maule mit über dreißigtausend Hektar die größte Denominación de Origen Chiles. Sie gliedert sich in drei Täler: Claro, Loncomilla, Tutuvén. Unten am Fluss liegen bewässerte Ebenen mit Cabernet Sauvignon in Reih und Glied, oben in den trockenen Granithügeln um Cauquenes wachsen jahrzehntealte Buschreben ohne einen Tropfen Bewässerung. Diese zweite Welt heißt Secano Interior, das Trockenland.