Gläser in der Region Mittelrhein

Schlank für Säure

Gläser

Ein Glas für Mittelrhein-Riesling muss vor allem eines schaffen: die feinen, kühlen Aromen nicht zu verlieren, bevor sie die Nase erreichen. Ein zu weites Glas verflüchtigt Zitrusduft und Schieferwürze fast augenblicklich. Deshalb greift man zu einem schlanken, hohen Kelch mit enger werdender Öffnung, wie er sich für die meisten deutschen Rieslinge durchgesetzt hat.

Ein bauchiges Burgunderglas wäre hier falsch. Es lenkt den Wein auf die Zungenmitte und verstärkt gleichzeitig die Säure, die bei einem straffen Bopparder oder Bacharacher Riesling ohnehin schon hoch ist. Die engere Öffnung des Riesling-Kelchs bündelt den Duft stattdessen zu einem schmalen Strahl. Er trifft genau auf die Nasenspitze, dort, wo Süße und Frucht zuerst wahrgenommen werden.

Viele schenken Riesling zu kalt oder zu warm ein, und beides ruiniert den Wein auf unterschiedliche Weise. Acht bis zehn Grad passen für einen jungen, trockenen Kabinett, kühlschrankkalt also, während ein gereifter Riesling mit Spätlese-Etikett sein volles Aromenspiel eher bei zehn bis zwölf Grad zeigt. Zu kalt serviert, schmeckt jeder Riesling nach nichts als Säure.

Karaffen braucht ein junger Mittelrhein-Riesling praktisch nie, anders als ein junger Rotwein aus wärmeren Ländern. Seine Aromen liegen offen, kaum verschlossen durch Tannin oder Holz. Nur bei einem zwanzig, dreißig Jahre alten Wein aus einer der Bacharacher Steillagen lohnt sich kurzes Lüften, weil sich mit dem Alter reduktive, leicht muffige Noten bilden können, die frische Luft rasch vertreibt.

Eingeschenkt wird sparsam. Ein Glas bis zur breitesten Stelle zu füllen genügt völlig, denn darüber sammelt sich der Duft, den man sonst verschenkt. Wer am Rheinsteig oberhalb der Weinberge wandert und abends in einer Weinstube einkehrt, bekommt dort meist genau dieses schlanke Glas serviert. Es ist keine Mode. Es ist jahrzehntelange Erfahrung mit einer Rebsorte, die Zurückhaltung mehr belohnt als große Gesten.

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