
Zitrone und Feuerstein
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Halt ein Glas Mittelrhein-Riesling gegen etwas Weißes, und du siehst zuerst die Farbe: hell, oft mit einem Hauch Grün, bei jungen Weinen manchmal fast wasserklar. Erst nach vielen Jahren wandert sie Richtung Gold. Das ist keine Schwäche. Es zeigt nur, wie viel Säure dieser Wein mitbringt. Säure hält die Farbe jung, während Alkohol und Reife sie langsam nachdunkeln lassen.
Schnuppere zunächst am ruhigen Glas, dann ein zweites Mal nach kräftigem Schwenken. Der Unterschied fällt bei Riesling besonders deutlich aus. Im ruhigen Glas kommen meist Zitrone, grüner Apfel und eine blasse Blütennote zuerst, weil diese leichten Moleküle am schnellsten verdunsten. Nach dem Schwenken folgt, was schwerer ist und länger braucht: eine kühle, fast rauchige Note. Viele nennen sie Feuerstein, und sie hängt tatsächlich mit dem Schiefer im Boden zusammen.
Im Mund dominiert die Säure, seitlich an der Zunge spürbar, scharf und lebendig wie in kaum einer anderen deutschen Weißweinregion. Anders als beim Tannin eines Rotweins ist das kein raues Gefühl, sondern ein Ziehen, das den Speichel fließen lässt. Genau diese Säure trägt den Wein und hält ihn frisch, auch wenn Zucker im Spiel ist, wie bei einer fruchtigen Spätlese aus dem Bereich Loreley.
Zucker allein verrät wenig über den Geschmack. Ein trockener Kabinett kann strenger wirken als eine halbtrockene Spätlese, weil die Säure ungebremst durchschlägt, während etwas Restzucker sie abfedert, ohne sie zu verdecken. Wer nur auf das Etikett schaut, verpasst deshalb die eigentliche Frage: Steht die Süße im Gleichgewicht mit der Säure, oder kippt der Wein nach der einen oder anderen Seite?
Am Schluss kommt die Uhr ins Spiel, auch wenn niemand wirklich eine braucht. Sekunden zählen, während der letzte Geschmack langsam verblasst. Bei einem einfachen Wein sind das kaum mehr als drei, vier Sekunden. Bei einem großen Riesling aus dem Bopparder Hamm oder von der Bacharacher Wolfshöhle hält sich die Zitrusfrucht dagegen zwanzig Sekunden und länger. Am Ende bleibt eine feine, mineralische Bitterkeit übrig, die noch lange nachhallt.