
Regenschatten & Wärme
Klima
Zwei Mittelgebirge schützen die Nahe wie ein Dach. Hunsrück und Soonwald fangen die feuchten Westwinde vom Atlantik ab, bevor sie das Tal erreichen. Den Regen lassen sie an ihren eigenen Hängen fallen. Was übrig bleibt, sind rund 500 bis 600 Millimeter Niederschlag im Jahr in Bad Kreuznach mitten im Anbaugebiet — spürbar weniger als in den meisten anderen deutschen Weinregionen und einer der trockensten Werte im ganzen Land.
Trockenheit allein macht noch keinen guten Weinberg. Entscheidend ist, was mit der gesparten Feuchtigkeit passiert: Die engen Flusstäler zwischen Bad Kreuznach und Bad Münster am Stein-Ebernburg speichern die Sonnenwärme wie ein Trichter. Die kahlen Felsen geben sie langsam wieder ab. Am Rotenfels wird es dadurch so heiß und trocken, dass dort Federgras wächst, eine Steppenpflanze, die sonst eher in Osteuropa zuhause ist. Mit ihr überdauern ganze Gesellschaften wärmeliebender Pflanzen, die schon seit der Nacheiszeit hier wachsen.
Diese Wärme verteilt sich ungleich. Um Schlossböckelheim und Traisen, dort, wo der Rotenfels seine dunkle Wand in die Sonne stellt, liegen die wärmsten Kleinklimata des ganzen Anbaugebiets. Höher gelegene Lagen im Hunsrücker Umland dagegen bleiben spürbar kühler. Genau dieser Unterschied auf engem Raum erlaubt es Winzern, für jede Rebsorte fast den passenden Hang zu finden, ohne die Region verlassen zu müssen.
Wie überall verschiebt sich auch hier die Lese. Was früher Anfang Oktober begann, startet heute für frühe Sorten oft schon im September. In besonders heißen Jahren sind selbst die späten Rieslinglagen um den Rotenfels deutlich früher reif als noch vor dreißig Jahren. Trockene Sommer, wie sie der Regenschatten von Hunsrück und Soonwald ohnehin begünstigt, werden dadurch zur eigenen Herausforderung. Was einst Vorteil war, verlangt inzwischen genaue Beobachtung der Wasserversorgung jedes einzelnen Hangs.