
Riesling & Burgunder
Rebsorten
Riesling bestimmt die Nahe wie keine andere Sorte, auf fast dreißig Prozent der Rebfläche, überraschend hoch für ein Gebiet, das jahrhundertelang im Schatten größerer Nachbarn stand. Die Sorte treibt spät aus und reift spät. Das schützt sie vor Frühjahrsfrösten, verlangt aber Geduld bis weit in den Oktober hinein. Im Glas zeigt sie hohe Säure neben feiner Frucht, meist Pfirsich oder Aprikose, und genau dieses Gleichgewicht macht sie an der Nahe so verlässlich.
Lange vor dem Riesling-Boom war eine andere Sorte hier zuhause. Müller-Thurgau, eine Kreuzung aus Riesling und Madeleine Royale, steht noch immer auf gut einem Zehntel der Fläche, reift früher, verlangt weniger vom Boden und lieferte den Winzern über Jahrzehnte einen verlässlichen, wenn auch unauffälligen Alltagswein. Heute gilt sie eher als Randfigur. Ohne sie hätten viele Betriebe die schwierigen Jahrzehnte nach dem Krieg kaum überstanden.
Fast ebenso wichtig sind die Burgundersorten: Grauburgunder und Weißburgunder zusammen bringen es auf über fünfzehn Prozent. Sie gedeihen besonders gut auf den Löss- und Lehmböden rund um Bad Kreuznach. Dort liefern sie kräftigere, oft cremigere Weine als der Riesling. Spätburgunder, die rote Variante derselben Familie, wächst bevorzugt auf den wärmespeichernden Porphyrhängen der mittleren Nahe. Dornfelder ergänzt die roten Sorten mit dunklerer Farbe und weniger Säure. Das ist praktisch für Winzer, die auch an sonnenscheuen Tagen einen kräftigen Rotwein abfüllen wollen.
Ganz am Rand steht die Sorte, die schon im ersten Kapitel dieser Reise auftauchte. Weißer Orléans, einst weit verbreitet und heute fast verschwunden, überlebte nur an jenem Steilhang bei Odernheim am Glan, unentdeckt und ungepflegt über Jahrhunderte. Kein Betrieb baut sie im großen Stil an. Ihr Fund erinnert trotzdem daran, wie viele Sorten auf dem Weg zum heutigen Riesling-Übergewicht schon verschwunden sind.