
Reif, nicht steinig
Verkosten
Wer einen Pfälzer Riesling gegen das Licht hält, sieht die Herkunft oft schon in der Farbe. Sie zeigt ein sattes, fast strohig-goldenes Gelb, kräftiger als das blasse Grüngelb eines jungen Mosel-Rieslings. Das liegt am Klima. Wo die Traube mehr Sonne bekommt, bildet sie mehr Farbstoff in der Schale, lange bevor jemand ans Glas denkt.
Rieche zuerst ohne zu schwenken. Ein junger Pfälzer Riesling öffnet sich mit reifem Pfirsich, manchmal mit Aprikose. Oder sogar Mango. Ein Mosel-Riesling dagegen duftet eher nach grünem Apfel und Zitrusschale: derselbe Traubensaft, aber deutlich mehr Sonnenstunden im Rücken. Kommt der Wein aus dem Pechstein bei Forst, mischt sich oft ein rauchiger, an Feuerstein erinnernder Ton darunter, den Kenner sofort dem Basaltboden zuschreiben.
Im Mund fällt zuerst die Säure auf, seitlich an der Zunge, und dann, oft überraschend, der Alkohol: Pfälzer Rieslinge liegen häufig zwischen zwölfeinhalb und dreizehneinhalb Volumenprozent, während viele Moselweine bei neun oder zehn bleiben. Trotzdem wirkt ein guter Pfälzer nie plump, weil die Säure der Reife die Waage hält. Fehlt dieses Gleichgewicht, schmeckt der Wein breit und müde statt saftig.
Ein Dornfelder verlangt eine andere Aufmerksamkeit. Die Farbe geht fast ins Schwarze, das Tannin bleibt sanft, spürbar aber nie hart am Zahnfleisch, und im Duft dominieren Sauerkirsche, Brombeere und ein Hauch Holunder. Wer beide Weine, Riesling und Dornfelder, aus derselben Lage nebeneinander verkostet, erkennt sofort, wie unterschiedlich eine Rebsorte dieselbe Sonne verarbeitet.
Eine Verkostung, die es nur im Herbst gibt, ist der Federweißer. Er ist junger, noch gärender Traubenmost, trüb und leicht prickelnd von der Kohlensäure der Gärung. Er schmeckt süß und herb zugleich, weil Zucker und schon gebildeter Alkohol nebeneinander vorkommen. Er hält sich nur wenige Tage und muss deshalb mit Löchern im Deckel transportiert werden, sonst sprengt der Gärdruck die Flasche.