
An einem Riesling
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Halt ein Glas Rheingau-Riesling schräg vors Licht. Jung ist die Farbe blassgelb mit einem Hauch Grün, fast wie unreife Stachelbeere; mit zehn, fünfzehn Jahren wandert sie über Gold zu Bernstein. Diese Verfärbung ist kein Fehler, sondern Folge der hohen Säure. Sie hält den Wein so lange jung, dass er überhaupt die Zeit bekommt, Farbe anzusetzen.
In der Nase zeigt ein junger Riesling Pfirsich, grünen Apfel und Zitrus, manchmal weiße Blüten. Nach zehn oder mehr Jahren im Keller kommt oft ein ganz anderer Ton dazu, den viele zunächst für einen Fehler halten: ein Hauch von Petroleum. Verantwortlich ist ein Stoff namens TDN, der sich beim Reifen langsam bildet und ab einer Schwelle von rund zwei Mikrogramm pro Liter riechbar wird — eine Schwelle, die ein Forschungsteam des Leibniz-Instituts 2024 erstmals am menschlichen Riechrezeptor nachgewiesen hat. Bei einem gereiften Erstes Gewächs aus Rüdesheim gehört dieser Ton zum Charakter, nicht zum Defekt.
Im Mund achte zuerst auf die Säure. Sie sitzt seitlich an der Zunge. Sie lässt den Speichel laufen und ist bei einem Rheingau-Riesling fast immer präsent. Bei einem trockenen Erstes Gewächs wirkt sie schneidend. Bei einem Kabinett wird sie von einem Rest Süße abgefedert. Ohne diese Säure würden die Weine der Region binnen weniger Jahre müde und flach.
Zum Vergleich ein Glas Assmannshausener Spätburgunder aus dem Höllenberg. Seine Farbe bleibt hell, fast durchscheinend, sein Duft erinnert an Sauerkirsche und Walderdbeere statt an Pfirsich. Das Tannin, der raue Belag am Zahnfleisch, ist zurückhaltend statt kräftig. Wer beide Weine am selben Abend probiert, versteht sofort, warum der Rheingau als zweigeteilte Region gilt.
Am Ende zählt der Abgang: wie lange der Geschmack bleibt, nachdem man geschluckt hat. Bei einem guten Erstes Gewächs sind das zwanzig Sekunden und mehr, und genau diese Länge lässt sich im Keller nicht nachträglich hineinmischen. Sie kommt nur aus reifen Trauben von einem der steilen Rheingauer Hänge, oder gar nicht.