Böden in der Region Rheinhessen

Rotliegend & Kalkmergel

Böden

Grab am Fuß des Hangs zwischen Nackenheim und Nierstein ein Loch, und nach wenigen Spatenstichen wird die Erde rot. Das ist nicht rostrot wie gewöhnlicher Lehm. Es ist ein sattes, fast violettes Rot, das von weitem wie eine Wunde in der Landschaft aussieht. Diesen gut fünf Kilometer langen Streifen nennt man den Roten Hang, und sein Gestein ist rund 280 Millionen Jahre alt.

Das Gestein heißt Rotliegend und stammt aus dem Perm, einer Zeit, in der hier ein subtropisches Wüstenklima herrschte. In den Sedimenten aus Ton und Sandstein oxidierte damals Eisen zu Hämatit, demselben Mineral, das auch Rost seine Farbe gibt. Was heute als Weinberg daliegt, war vor Jahrmillionen trockenes Schwemmland am Rand eines verschwundenen Gebirges, und genau dieses Gestein zerfällt heute in dünne, brüchige Platten, zwischen denen kaum Nährstoffe und wenig Wasser stecken.

Die Rebwurzel muss sich also weit hinunterarbeiten. Genau das treibt am Roten Hang traditionell sehr altes Rebholz hervor — manche Stöcke stehen seit über sechzig Jahren auf derselben Fläche. Kleine, konzentrierte Beeren sind die Folge, und aus ihnen entstehen Rieslinge mit einer rauchig-mineralischen Note, die Kenner sofort diesem Boden zuordnen.

Nur zwanzig Kilometer südwestlich, in der Wonnegau um Westhofen, sieht der Untergrund völlig anders aus. Statt rotem Schiefer liegt dort heller Kalkmergel, oft von Löss überdeckt, und er hält weit mehr Wasser als das karge Rotliegend, sodass in der Lage Kirchspiel dadurch feingliedrige, fast zarte Rieslinge entstehen. Der benachbarte Morstein dagegen liefert mit seinem tieferen, kalkreicheren Boden kräftigere, breitere Weine. Zwei Böden, keine dreißig Autominuten voneinander entfernt, und zwei völlig verschiedene Weinstile.

Ein Irrglaube hält sich hartnäckig, auch hier: Der Wein schmecke nach Stein. Angeblich, weil die Wurzel Mineralien aus dem Gestein sauge und direkt weiterreiche. Das stimmt so nicht. Was am Roten Hang tatsächlich wirkt, ist ein Umweg. Es geht um Wärmespeicherung, Wasserhaushalt und Wurzeltiefe. Das eisenreiche Gestein erwärmt sich schneller als Kalk oder Löss und gibt diese Wärme nachts an die Trauben zurück. Der Geschmack im Glas kommt aus diesem Zusammenspiel, nicht aus aufgelöstem Gestein.

Grab dich durchSchicht antippen

Dünne, helle Deckschicht aus Löss und Lehm, an manchen Stellen des Hangs fast ganz abgetragen.

Die Wurzel: Hier liegen die Feinwurzeln, direkt nach Regen aktiv — und ebenso schnell wieder trocken.

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